16.07.2015

Pastor Effangas Kampf gegen die nackte Haut

In Südafrika ist ein erregter Streit um den ersten Nacktstrand entbrannt

Pastor Mike Effanga und seine Männer suchen den Nacktstrand. Eine mühsame Mission. Sie waren schon öfters hier, im Dienste verloren gegangener Sitte und Anstand, sagen sie. Nur haben sie diesmal die falsche Abzweigung genommen, dicke Äste versperren den Weg. So genau weiß Effanga nicht, wo es lang geht. Und als das Waldstück endlich den Blick auf das Meer freigibt, müssen sie eine steile, vier Meter tiefe Böschung hinabklettern, um jenen angeblich so leicht zugänglichen Ort der Unzucht zu erreichen, vor dem es die Allgemein-heit zu schützen gilt.

Südafrika ist in Aufruhr. Das ist prinzipiell ein Dauerzustand, der wohl auch dann bliebe, gäbe es weder Korruption noch Massenarbeitslosigkeit. Südafrikaner beklagen sich gern und spektakulär. Im April warfen schwarze Studenten Exkremente auf eine Statue des Kolonialisten Cecil Rhodes in Kapstadt. An jedem zweiten Tag gibt es irgendwo im Land eine Demonstration wegen ausbleibenden Leistungen von Verwaltung und Regierun. Oft werden dabei Autoreifen verbrannt und Straßen blockiert. Im Parlament beschwert sich die Regierungspartei African National Congress (ANC) hauptberuflich über die Vergangenheit, die Opposition über die Gegenwart. Für Gedanken an die Zukunft bleibt da traditionell wenig Platz.

Nun aber ist die Lage wirklich ernst. Effanga, ein kräftiger Mann mit sonorer Stimme, leitet eine Pfingstkirche mit dem ambitionierten Na-men „Worldwide Gospel Ministries“. Er könnte sich gegen die Armut in Südafrika aussprechen, gegen die skandalös hohe Zahl der Gewalt gegen Frauen und Kinder. Heute aber echauffiert er sich über ein anderes Unheil, wie so oft in den vergangenen Monaten. Er kämpft gegen die Genehmigung für den ersten offiziellen Nackstrand Südafrikas.

Betroffen ist ein 200 Meter breiter Abschnitt des abgelegenen Mpenjati-Strandes in der Nähe der Küstenstadt Durban. Das entspricht angesichts von 3000 Küstenkilometern ganzen 0,00007 Prozent der südafrikanischen Strandfläche. „Es geht ums Prinzip“, stellt Effanga klar, während er Äste zur Seite drückt. Je mehr er sich dem angeblichen Ort des Frevels nähert, umso lauter wird die Stimme. „Was kommt als Nächstes? Prostituierte am Strand?“ Beides verstoße gegen geltendes Recht, beides gelte es zu verhin-dern.

Eigentlich ist der Untergang der Zivilisation in Südafrikas Provinz längst genehmigt. Die zuständige Gemeindeverwaltung hat einem Antrag der südafrikanischen Naturisten-Vereinigung schon im vergangenen November zugestimmt. Seit Jahren hatten Nackedeis den abgelegenen Strand in einem Naturschutzgebiet aufgesucht. Die Polizei scherte das wenig, das gleiche galt für die anderen neun infor-mellen Nacktstränden des Landes.

Mit Freikörperkultur-Tourismus werben durfte wegen der Verbote bislang allerdings niemand. Dem sonnenreichen Land entgehen dadurch gewaltige Einnahmen, allein in Frankreich erreicht der jährli-che Umsatz 250 Millionen Euro, rund zwei Millionen Urlauber machen hier FKK-Ferien. Die klamme Gemeinde am Mpenjati-Strand erhofft sich zusätzliche Einnahmen, die Genehmigung wäre ein Präzedenzfall, womöglich auf für die Legalisierung von Sandy Bay, einem informellen Nacktstrand in Kapstadt.

Doch der Weg zum kleiderlosen Sonnenbad führt nur am breitkreuzigen Effanga vorbei. Er hat den Pastor einer anderen Kirche und einen weiteren Aktivisten im Schlepptau. Sie haben sich Effangas „Concerned Citizens Group“ angeschlossen, die eigenen Angaben zufolge „Dutzende Kirchen, Frauenrechtsgruppen und Zehntausende Anwohner“ repräsentiert. „Die Gemeinde hat gegen Gesetze verstoßen“, klagt Effanga in staatstragendem Ton. Vorschriften, die Nacktheit an öffentlichen Plätzen verbieten, seien nicht geändert worden. Seitdem Effanga mobil macht, berät die Gemeinde wieder über das Anliegen. Die Genehmigung gilt, aber bis auf Weiteres nur vorläufig.

Südafrika hat nach dem Ende der Apartheid eine der liberalsten Verfassungen der Welt verabschiedet. Die Gesellschaft aber bleibt erstaunlich konservativ. Bis in die neunziger Jahre blieben an Sonntagen die Kinos geschlossen, um den Gottesdiensten keine Konkurrenz zu machen. Noch immer ist der Verkauf von Alkohol an Sonntagen außerhalb von Restaurants nur mit Ausnahmegenehmigungen gestattet. Zweidrittel der Südafrikaner hält Homosexualität für moralisch inakzeptabel, obwohl die Nation als einzige in Afrika gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt.

Mit Sexualität, egal welcher Art, habe die Bewegung aber nichts zu tun, sagen die Naturisten. Es gehe, wie die Bezeichnung nahelegt, um den Einklang mit der Natur. Effanga und seine Mitstreiter kann das nicht überzeugen. Sie haben den ominösen Nacktstrand inzwischen gefunden. Nur die Nackten, die es zu bekehren gilt, sie fehlen. Wolken, Wind und 18 Grad – kein ideales Wetter für Natur-einklang.

Belege der Unzucht findet Effanga dennoch. Ein großes Schild zum Beispiel, auf dem ein Verhaltenskodex vermerkt ist. Effanga liest mit Ärger in der Stimme vor: „Bedecke jegliche unvorhergesehene Erektion. Wir wissen, sie passieren mitunter. Das Abdecken mit einem einfachen Handtuch hilft. Oder auf den Bauch legen, dann bekommt es niemand mit.“ Unglaublich sei das doch, echauffiert sich der Pastor. Hinzu komme, dass Zulu-stämmige Anwohner eines nahe gelegenen Dorfes in der Nähe regelmäßig ihren Ahnen ge-denken würden. „Wer möchte schon, dass nackt auf den Gräbern seiner Familie getrampelt wird.“ Öffentliche Nacktheit sei in Südafrika schlicht unerwünscht. Effangas Vasallen nicken grimmig.

Der Mann, der das Schild in Auftrag gegeben hat, schüttelt ratlos den Kopf. John Skene steht vor seinem Gasthaus, es ist wenige Kilo-meter vom Nacktstand entfernt. Der hagere Ingenieur hat eine lange Karriere als Ingenieur hinter sich, er arbeitete in China und Dubai, hier in der Provinz wollte er als Gastgeber entspannungswilliger Urlauber eigentlich seine Ruhe haben. Stattdessen ist er eine der zentralen Figuren geworden um die Frage, wie nackt die Gesellschaft sein darf.

Vor über 30 Jahren schloss er sich der Naturistenbewegung an, natürlich wurde er zum Vorsitzenden der erst im vergangenen Jahr gegründeten Naturistenvereinigung der Provinz. Wird der Strand genehmigt, profitiert sein Gasthaus, diese Motivation gibt Skene offen zu. Schon jetzt gebe es durch die Debatte doppelt so viele Anfragen wie sonst. 80 Prozent der Naturisten in seinem Gasthaus seien Christen, erzählt er, sogar Pastoren seien darunter. Keiner könne Verstöße gegen Religion erknnen. Effanga, „dieser Aufmerksamkeitshascher“, sei „aus dem Nichts“ gekommen, als die Gemeinde längst mit großer Mehrheit für den Antrag gestimmt habe. Die entsprechenden Vorschriften seien rechtzeitig geändert worden. Von einer traditionellen Gedenkstätte sei auch nichts bekannt.

Die Initiative werde dringend benötigte Arbeitsplätze bringen, argu-mentieren die Naturisten. Jeder zwölfte Job in Südafrika hängt am Tourismus, das Potenzial sei allerdings längst noch nicht ausge-schöpft. Zudem würden sie einen Beitrag gegen die allgegenwärtigen Klassenunterschiede in Südafrika leisten. „Ohne Kleider sind wir alle gleich“, sagt Skene, „keiner fragt nach dem Beruf des anderen.“ Mit Erotik habe das nichts zu tun, vielmehr mit natürlichem Körpergefühl. „Jeder, der schon einmal nackt geschwommen ist, weiß doch, wovon ich rede.“

Seit mindestens 40 Jahren gibt es inoffizielle Nacktstrände in Südafrika. Zu Apartheid-Zeiten, als die niederländisch-reformierte Kirche noch einen direkten Draht zur Regierung hatte, gab es mehrfach Razzien gegen die Nackedeis von Sandy Bay in Kapstadt, sogar Hubschrauber wurden dabei eingesetzt. Seit dem Regierungswechsel werden die Naturisten zumeist geduldet. Illegal aber bleibt ihr Hobby auf öffentlichem Boden. „Es ist doch ein Wahnsinn, dass Nacktheit im Jahr 2015 noch verboten ist“, sagt Skene, „wir reden über winzige Abschnitte an völlig abgelegenen Stränden.“

Mit Grauen denkt der Familienvater an das Osterwochenende zu-rück. Es war der Tag der inoffiziellen Eröffnung des Mpenjati-Strandes, man habe aber aus Rücksicht auf den Widerstand auf große Werbung verboten. Dennoch reisten Hunderte an, alleine aus Pretoria nahm eine ganze Busladung Naturisten die 600 Kilometer lange Fahrt auf sich – und trafen, kaum entblößt, auf einen äußerst wütenden Effanga. Dieser habe Freunde von der Polizei mitgebracht, welche die kleidungsscheuen Touristen zurechtgewiesen hätten.

„Völliger Irrsinn war das“, erzählt Skene, „wir hatten ja die Genehmigung. Wir haben bei Gemeinde und Polizeichef angerufen – 30 Minuten später waren alle wieder nackt.“ Probleme habe es bislang nur einmal gegeben. Ein betrunkener Tourist sei vom Strand verwiesen worden. „Das war’s“, so Skene. In diesen Tagen berät die Gemeinde erneut, danach wird voraussichtlich die endgültige Genehmigung für den Nacktstrand vorliegen.

Für Effanga und seine Männer ein unvorstellbares Szenario. Er fährt durch die benachbarten Dörfer und spricht Passanten an. Den meisten ist die Angelegenheit egal, trotz des Redeschwalls des Pas-tors. Die Truppe zieht weiter, nicht ohne den ein oder anderen Alther-renwitz. Ein weiterer Pastor der Widerstandsbewegung habe kurzfristig abgesagt, sagt Effanga, „er vergnügt sich halt lieber mit seiner Frau“. Gelächter.

Wo aber sind die Erzürnten? Schließlich findet Effanga doch noch eine Rangerin eines Nationalparks, die berichtet, dass ihr sechsjähriger Sohn erhebliche Bedenken angesichts der vielen unbedeckten Haut in ihrer Nähe geäußert habe. Ja, er habe sogar empfohlen, dass sie sich einen neuen Job suche. Effanga nickt verständnisvoll. Sein Kampf geht weiter.