04.06.2018

Wenn der kranke Kopf zum Todesurteil wird

In Afrika werden psychisch Kranke meist stigmatisiert. Nun starben 143 Patienten in Südafrika nach einem verfassungswidrigen Sparprogramm der Regierung

Als Joseph Maboe seinen Sohn endlich fand, war dieser so hungrig, dass er auf der Plastiktüte kaute, in der ihm der Vater Chips mitgebracht hatte. Die Kleidung war dreckig, die Wangen eingefallen. Maboe roch, dass er seit Tagen nicht mehr gewaschen worden war. „Ich habe den Tod in seinem Gesicht gesehen“, sagt der 80-Jährige.

Der Tod kam wenige Tage nach dieser letzten Begegnung mit Hendrick, den alle nur „Billy“ nannten. Der Erstgeborene des anglikanischen Pfarrers starb am 22. Juli 2016 im Alter von 52 Jahren. Ganze sieben Wochen hatte er in einem Haus der dubiosen Hilfsorganisation „Bophelong“ überlebt. Dorthin hatte ihn die südafrikanische Regierung unter chaotischen Umständen aus der renommierten Johannesburger „Life Esidimeni Klinik“ verlegt.

„Er musste mit 40 anderen Patienten in einer Garage mit Plumpsklos hausen“, sagt der Vater. Die Patientenakte kam nie in dem Einfamilienhaus der Kleinstadt Hammanskraal an, eben so wenig wie die verschriebene Medizin, geschweige denn ein Arzt, so Maboe. Sein Sohn litt seit der Jugend unter Schizophrenie und epileptischen Anfällen. Auf dem Totenschein ist von Problemen mit den Lungen die Rede. Todesursache: „Natürlich.“ Maboe sagt, es war Mord.

143 der 1300 Patienten, die vor zwei Jahren aus der Esidimeni-Klinik binnen drei Wochen verlegt wurden, sind binnen weniger Monate gestorben. Das Gesundheitsministerium der südafrikanischen Gauteng-Provinz hatte den Vertrag mit dem Betreiber gekündigt. Man müsse Kosten sparen, erklärte man den entsetzten Angehörigen.

Eine absurde Behauptung, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Umgerechnet knapp 12 Millionen Euro wurden im Jahr 2015 an die Firma gezahlt. Für die Hilfsorganisationen war mit 12,8 Millionen Euro jährlich allerdings ein höherer Betrag budgetiert worden. Vieles davon ist offenbar versickert. Die meisten Hilfsorganisationen waren hektisch und ohne angemessene Akkreditierungsrichtlinien aus dem Boden gestampft worden. So mancher professionelle Anbieter scheiterte aber auch daran, dass das versprochene Geld nicht vollständig überwiesen wurde und deshalb die angestellten Pfleger wieder entlassen werden mussten.

Seit Monaten arbeitet Südafrika den größten Gesundheitsskandal seiner demokratischen Geschichte auf. Die Anhörung wurde live vom Staatsfernsehen übertragen, was, so der Vorsitzende Richter, hoffentlich „ein neues Bewusstsein“ zum Schicksal der psychisch Kranken in Afrika schaffen werde.

Das ist dringend erforderlich. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation geben die meisten afrikanischen Länder im Durchschnitt nicht einmal ein Prozent ihres Gesundheitsbudgets für die Behandlung psychischer Erkrankungen aus. In westlichen Industrienationen sind es in der Regel sechs bis zwölf Prozent. Im Schnitt werde auf dem afrikanischen Kontinent, wo die psychische Belastung oft höher als in anderen Gegenden sei, jährlich gerade einmal ein Vierteldollar pro Einwohner für derartige Leiden ausgegeben.

Es fehlt nicht nur am Geld, sondern auch am Personal. Die Zeitung „NY Times“ recherchierte im Jahr 2015, dass es in ganz Liberia nur einen praktizierenden Psychiater gebe. In Niger seien es drei, in Togo vier. Und in Sierra Leone keinen einzigen. Der Kontinent leidet wie kein anderer unter Fachkräfteabwanderung – qualifiziertes Personal zieht es in Länder mit besseren Verdienstmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen.

Mentale Erkrankungen seien in den meisten Gegenden Afrikas eine „stille Epidemie“, schreibt die Wissenschaftlerin Nicole Monteiro von der US-amerikanischen Chestnut Hill Hochschule in einer Studie. Die meisten Regierungen würden sich auf den Kampf gegen übertragbare Krankheiten wie Tuberkulose oder HIV/Aids konzentrieren. Psychische Probleme würden auch wegen Diskriminierung und Stigmatisierung „vernachlässigt und so zu einer zunehmenden Belastung für alle Segmente der Gesellschaft“.

Belastbare Daten zu dem Thema sind rar, das vorhandene Material gibt jedoch eine Vorstellung über die Dimension des Problems. Psychiater der nigerianischen Universitäten Ibadan haben anhand von Fragebögen berechnet, dass zwischen 0,5 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung unter Schizophrenie leiden – das wäre mindestens eine Million Menschen. Die kenianische Wissenschaftlerin Mary Amuyunzu-Nyamongo beziffert den Anteil von psychischen Erkrankungen an allen Behinderungen in Afrika auf 19 Prozent.

Natürlich fehlt es in Entwicklungsländern oft an den Ressourcen für eine angemessene Behandlung. Für Südafrika gilt das aber nur eingeschränkt, die Nation ist ein Schwellenland, das Regierungsbudget zählt trotz zuletzt stagnierendem Wirtschaftswachstum zu den 40 größten weltweit. Noch muss geklärt werden, ob im Rahmen des Esidimeni-Skandals Gelder veruntreut wurden. Bewiesen ist hingegen bereits eklatantes Politikversagen.

An einem Donnerstagvormittag im Januar nimmt Maboe in der drittletzten Reihe eines Großzeltes Platz, in dem sich die Verantwortlichen rechtfertigen müssen. Vorne sitzt die ehemalige Gesundheitsministerin Qedani Mahlangu, auf deren Betreiben das Projekt angeschoben wurde. Maboe, ein hagerer Mann mit wachem Blick hinter der großen Brille, trägt einen sorgfältig gebügelten Anzug. Die Krawatte ist perfekt gebunden. Der Frau, die ihrem Sohn die Würde genommen hat, will er mit Würde begegnen.

Mahlangu liefert zwei Tage lang einen armseligen Auftritt ab. Die Entscheidung für die Umsiedlung sei richtig gewesen, behauptet sie allen Ernstes, schuld seien allein ihre mit der Umsetzung beauftragten Mitarbeiter gewesen. Die warnende Email eines Experten habe sie nicht gelesen, weil sie krank gewesen sei. Entsprechende Briefe habe sie ebenfalls ungelesen weitergeleitet.

Unumwunden gibt die Politikerin zu, dass sie sich während des Projekts fast ausschließlich auf den Wahlkampf für ihre Partei, den Afrikanischen Nationalkongress (ANC), konzentriert habe. Sie ist seit Zeiten des Befreiungskampfes loyale Kraft des ANC, der im Gegenzug bei ihrer Berufung über das Fehlen medizinischer Erfahrung hinweggesehen hatte. Politisch habe sie ja mit ihrem Rücktritt die Konsequenzen gezogen, sagte Mahlangu. Persönlich sei sie aber in keiner Form verantwortlich. Politikgeplänkel der übelsten Sorte.

Maboe versucht seine Wut zu unterdrücken, immer wieder schüttelt er den Kopf. Er war wenige Wochen vor der Umsiedlung einer der Angehörigen, die Mahlangu von ihrem Ansinnen abbringen wollten. „Wer nicht einverstanden ist, muss seine Verwandten nach Hause holen oder selbst bezahlen“, habe sie gesagt, erzählt Maboe. „Sie wusste, was sie da tut. Es ging ums Geld – um nichts Anderes.“ Es sei schlicht unmöglich gewesen, auf dem Dorf die spezialisierte Pflege für seinen Sohn zu gewährleisten.

Neben ihm sitzen Hinterbliebene anderer Opfer. Eine Familie fand ihren verstorbenen Sohn in einer zum Leichenhaus umfunktionierten ehemaligen Metzgerei. Die Kühlung des Körpers hatte versagt, die Augen waren bereits verfault. Weiter vorne kauert Elizabeth Phangela. Sie wurde erst gar nicht darüber informiert, als ihr unter Epilepsie leidender Bruder Christopher nach Pretoria in die Unterkunft „Precious Angels“ verlegt wurde.

Hier starben innerhalb weniger Monate unglaubliche 37 Patienten, darunter Christopher. Phangela wurde erst Wochen später über seinen Tod informiert. Als sie schließlich nach Pretoria reiste, war das Heim bereits leer, sie fand lediglich alte Rollstühle und Betten in dem Haus vor. Ihr Bruder war ohne Einverständnis der Familie auf einem nahegelegenen Friedhof begraben worden. Sie will ihn nun exhumieren lassen und, wie es sich in ihrer Kultur gehört, in seinem Heimatdorf bestatten lassen.

Die Wut der Familien ist gewaltig, am Eingang des Geländes gibt es wohl auch deshalb eine Einlasskontrolle mit Metalldetektor. Eine Frau hat ein Foto ihres Sohnes gedruckt, auf dem Rücken steht in gepflockten Buchstaben eine Frage an die ehemalige Gesundheitsministerin Mahlangu: „Warum hast Du unsere Liebsten gefoltert und getötet?“ Sie will, dass die Politikerin bald zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen wird.

Das hofft auch Pfarrer Maboe. Der Staat hat inzwischen Entschädigungszahlungen von rund 13.500 Euro für jede Familie zugesagt. „Ich freue mich darüber“, sagt der alte Mann, „die Regierung gibt ihre Verantwortung zu. Das hilft uns, unsere Trauer zu verarbeiten.“ Immerhin etwas Genugtuung, nachdem Maboe wochenlang zugehört hat, wie Politiker ihre Verantwortung leugneten.

Es ist Freitag, der letzte Tag der Anhörung. Maboe steigt, die Krawatte erneut tadellos gebunden, in einen Bus, der ihn zurück nach Hause bringen wird.