18.05.2017

Township der Hoffnung

1 Township - 6 Unternehmensgründer. Wie in Khayelitsha im Kleinen Großes entsteht

Es ist derzeit nicht einfach, in Südafrika Geschäfte zu machen. Die Wirtschaft steht kurz vor der Stagnation. Und die Arbeitslosenquote stieg Ende 2016 auf ein Zwölfjahreshoch von über 27 Prozent, inoffiziell gehen Experten sogar von bis zu 40 Prozent aus. Nach Angaben des „Global Entrepreneurship Monitor“ (GSM) hat sich die Zahl der geplanten Existenzgründungen seit dem Jahr 2010 fast halbiert und ist damit 3,6 Mal geringer als im afrikanischen Durchschnitt.

Der Khayelitsha-Township in Kapstadt erscheint dabei zunächst als der un-wahrscheinlichste Ort für einen Hoffnungsschimmer. Die Bevölkerung wuchs hier in den vergangenen zehn Jahren von 400.000 auf 1,2 Millionen, nur jeder Dritte hat Arbeit. Die Polizeistationen des Townships vermelden einige der höchsten Kriminalitätsraten des Landes, jedes Wochenende werden im Schnitt vier Morde verübt.

Doch es gibt auch das wirtschaftlich inspirierende Khayelitsha. Zuletzt brach-te der Township eine überraschend hohe Zahl kreativer Sozial-Unternehmer hervor. Junge Menschen, die sich nicht nur selbst aus der Armut hieven wollen, sondern dabei neben Arbeitsplätzen auch Probleme der Gemeinschaft bekämp-fen. Wir stellen sechs Menschen vor, die für bessere Ernährung, Medizin und Bildung einstehen. Im Kleinen, mit unterschiedlichen Problemen, aber einem gemeinsamen Anliegen: Khayelitsha soll endlich seinem verheißungsvollen Namen gerecht werden. Auf Xhosa bedeutet er: „Neue Heimat“.

 

 

 

Lufefe Nomjana (29): Der Spinat-König

Sein Startkapital betrug 40 Rand, umgerechnet rund drei Euro – und ein Comic. Lufefe Nomjana ist Fan der Zeichentrickfigur Popeye. Als Kind faszinierte ihn seine Stärke, als Erwachsener schließlich die Genialität der Zeichner, die der amerikanischen Bevölkerung den äußerst gesunden Spinat schmackhaft machen wollten.

Während eines Praktikums in einem Gemüsegarten erlebte er den positiven Effekt der Pflanze täglich. Später hospitierte er im Krankenhaus in Khayelitsha, wo ihm auffiel, dass das Brot viel zu reich an Kohlehydraten und Sodium war. Er googelte, schmuggelte sich an der Universität Kapstadt in Vorlesungen zu Mar-keting und Ernährung. Zu Hause experimentierte Nomjana mit Zutaten und der richtigen Temperatur und Backzeit. „Ich wollte das beste Spinatbrot der Welt schaffen“, sagt er.

Zunächst durfte der 29-Jährige nachts den Ofen der Nachbarin benutzen, vier Laib Brot bereitete der Unternehmer zu, die er tagsüber auf der Straße ver-kaufte. Umgerechnet nicht einmal ein Euro Profit blieb am Ende. Aber der Anfang war gemacht. Inzwischen erlaubt ihm eine Supermarktkette, ihre Öfen nachts zu benutzen. Nomjana produziert bis zu 400 Brote, 300 Muffins und 100 Brötchen pro Tag, ohne Zucker und Gluten. Der Spinat aus Gemeindegärten ist der wichtigste Inhaltsstoff.

In einfachen Containern betreibt er nun zwei Filialen in dem Township und beschäftigt acht Mitarbeiter, die das Brot auf Fahrrädern ausfahren. Bei der Er-öffnung seiner ersten Filiale war sogar der amerikanische Milliardär Richard Branson vor Ort. „Zu wenig Leute sehen Probleme als Chance“, sagt Nomjana ganz im Stil Bransons, „dabei können sie mit der richtigen Einstellung sogar ein Vorteil sein.“

 

 

Sizwe Nzima (25): Medizin auf Rädern

Sizwe Nzima wuchs bei seinen Großeltern auf. Unzählige Male musste er für sie zum überfüllten Krankenhaus gehen. An guten Tagen stand er vier Stunden an, bis er die Medizin gegen Bluthochdruck und Diabetes bekam. An schlechten musste er am nächsten Morgen wiederkommen. „Townships sind nicht gerade eine Service-Oase“, sagt Nzima, „erst recht nicht das öffentliche Gesundheits-wesen.“

Schon als 19-Jähriger kam ihm die Idee, die verschreibungspflichtige Medizin mit dem Fahrrad auszuliefern. Khayelitsha ist einer der am dichtesten besiedelten Orte Südafrikas, schon im Umkreis von drei bis vier Kilometer würde er Zehntausende erreichen. „Studiere doch lieber Jura“, sagten die skeptischen Großeltern. „Mit einer Kneipe kommst du schneller an Geld“, rieten Freunde. Nzima aber blieb stur, auch wenn die Banken seine Kreditanträge reihenweise ablehnten.

Schließlich überzeugte er die Stiftung eines Getränkekonzerns, ihm Startka-pital in Höhe von umgerechnet 7000 Euro zu geben. Er musste sich aus rechtli-chen Gründen für sein Start-Up „Iyeza Express“ mit einem Apotheker zusam-mentun. Ein Jahr dauerte es, bis er die nötigen Genehmigungen hatte.

Inzwischen fährt der junge Mann 60 Lieferungen am Tag aus, umgerechnet kommen so immerhin knapp 100 Euro zusammen. „Das ist noch nicht nachhaltig, aber ein guter Start“, sagt der Südafrikaner, „dafür muss ich das Model in anderen Townships replizieren.“

Seit einigen Wochen liefert er auch HIV-Schnelltests aus. Ihm war aufgefallen, dass die Menschen sich vor Test im Krankenhaus scheuten. Sie hatten Angst, von anderen beim Anstehen in der entsprechenden Schlange gesehen zu werden und so als möglicherweise infiziert zu outen. Nun kann der Test online bestellt werden, Nzimas Mitarbeiter liefern ihn in neutralen Verpackungen aus.

An Motivation mangelt es dem jungen Mann nicht. „Es gibt einem Energie, wenn man anderen hilft“, sagt Nzima, den das „Forbes Magazine“ im Jahr 2013 zu den 30 besten afrikanischen Unternehmern unter 30 Jahren zählte.

 

 

Luvuyo Rani (42): Auf der Suche nach dem nächsten Steve Jobs

Sein erster Verkaufsraum war der Kofferraum seines Autos. Luvoyo Rani ar-beitete als Lehrer, als das Bildungsministerium vor 13 Jahren anordnete, dass alle Lehrkräfte über Computerfähigkeiten verfügen müssen. Rani nahm einen Kredit auf, erwarb ausrangierte Computer und verkaufte sie an seine Kollegen im Township.

„Damit hatten sie das Gerät, aber sie wussten nicht, wie man damit umgehen soll“, erzählt Rani. Und wenn die Lehrer es nicht wissen, wie dann der Rest? Schon bald kündigte er und öffnete die ersten Internet-Cafés, in denen auch Kurse zum Bedienen von Programmen wie Microsoft Word oder Excel angeboten werden.

Seitdem hat er am Westkap 40 Zentren aufgemacht, dazu 24 Computerge-schäfte. Jeder Kunde zahlt umgerechnet nur einen halben Euro pro Unterrichts-einheit. „Die Masse macht es, wir schleusen jährlich 4000 Leute durch unsere Kurse“, sagt Rani.

Der Umsatz seiner Firma „Silulo Ulutho“ beträgt umgerechnet über zwei Mil-lionen Euro jährlich, er will landesweit expandieren. „Die Wurzeln aber werden immer in Khayelitsha bleiben“, sagt Rani. Der Township existiert erst seit 36 Jah-ren, die Bevölkerung ist noch jünger als in den anderen Armenvierteln. „Die Leute kommen aus anderen Teilen des Landes hierher, um nach Chancen zu suchen“, sagt der 42-Jährige, der selbst einst zum Studium nach Khayelitsha zog, „es ist ein Ort, der es dir erlaubt, zu wachsen.“

 

 

Brenda Skelenge (40): Die Kultur-Pionierin

Man könnte sagen, Brenda Skelenge betreibt lediglich ein Restaurant. Doch das würde ihr kaum gerecht werden. Sie schafft Räume für Debatten, Musik und Zivilge-sellschaft. Seit dem Jahr 2014 betreibt sie das „Moholo LiveHouse“ in Khayelitsha. Die Vermieter suchten ursprünglich nach einem ganz normalen Kneipenbetreiber. Es dauerte ein Jahr, bis sie die Eigentümer von ihrem Konzept überzeugt hatte. „Wir wurden während der Apartheid weit weg aus der Stadt vertrieben“, sagt Skelenge, „der Platz ist in Khayelitsha so limitiert, dass auch die kulturellen Angebote fern sind.“

Seit Jahren war sie Mitglied eines Buchklubs, für dessen monatliche Treffen sie jedes Mal in die Stadt fahren musste – ein geeignetes Café gab es damals nicht in dem Township. Schnell etablierte sie das „Moholo LiveHouse“ als Bühne für auf-strebende Künstler und Bildungsplattform. Die Universität Kapstadt spendete 50.000 Rand (3600 Euro), einen Monat übernahmen Anwohner die Rolle von Lehrern. „Wir müssen Bildung neu erfinden, sie muss praxis- und gemeinschaftsorientierter wer-den“, sagt Skelenge.

So lehrte ein älterer Mann die Geschichte der Sklaverei. Bankangestellte berieten, wie man auch mit kleinem Einkommen sparen kann und ein in Khayelitsha geborener Designer erklärte Computerprogramme der Kreativen. Die Entwürfe eines seiner Schüler prangen nun auf Bettdecken einer landesweiten Möbelmarktkette.

 

 

Monde Sitole (27): Der Traum-Verwirklicher

Kleine Ziele sind nichts für Monde Sitole. 700.000 Schulabbrecher, so hat er es sich zum Lebensziel gesetzt, will der junge Mann fördern, bis sie den Weg zurück in die Klassenräume oder eine Anstellung gefunden haben. Das mag utopisch klingen – wären da nicht seine bereits erreichten Ziele.

Der 27-Jährige hat einige der höchsten Berge der Welt bestiegen – den Kiliman-jaro in Tansania gleich doppelt, dazu Mount Elbrus in Russland und den Berg Denali in Alaska. Er hat als einer von zehn Afrikanern im Rahmen einer kanadischen Bil-dungsinitiative mit dem Segelboot den Atlantik überquert. Davor musste er noch schnell Schwimmen lernen. Sitole zögert nicht, wenn er eine Chance sieht. Und der schmächtige Mann weiß, wie er seine Erfahrungen vermarkten kann.

Seine Geschichte von dem jungen Mann aus Khayelitsha, der die größten Aben-teuer der Welt besteht, verkauft sich prächtig in Südafrika. Sitole hält Motivations-vorträge bei Unternehmen, berät sie bei der Erschließung neuer Käuferschichten in den Townships und hilft jungen Start-Ups bei der Vermarktung ihrer Ideen.

Das so verdiente Geld investiert er in die Gemeinschaft. Derzeit hilft er bei der Errichtung eines Gemeinschaftszentrums. Und er hat seinen eigenen Bergsteiger-Klub gegründet. Derzeit sucht er Sponsoren, um vier Mädchen aus Khayelitsha den Aufstieg des Kilimanjaro zu ermöglichen. Diese Erfahrung hat einst sein Leben für immer verändert. „Die Herausforderung ist nicht der Berg“, sagt Sitole, „du trittst gegen dich selbst an.“

 

 

Wandisile Nqeketho (27): Mit Verbrechen legal verdienen

Auf die schiefe Bahn geriet Wandisile Nqeketho nie. Nach der Schule startete er ein kleines Recycling-Unternehmen, bei dem die Bewohner Khayelitshas für das Sammeln von verwertbarem Müll mit Supermarktgutscheinen bezahlt wurden. Er verdiente nicht viel, aber genug zum Überleben. Einige seiner Freunde landeten dagegen bald im Gefängnis.

Vor zwei Jahren öffnete er das „18 Gangster Museum“ (18GM). Ein restau-rierter Schiffscontainer, in dem Nqeketho mit der Hilfe von ehemaligen Straftätern die harsche Knastrealität nachstellte. „Die Gefängnisse in Kapstadt sind weit von Khayelitsha entfernt“, sagt der Unternehmer, „viele junge Verbrecher realisieren gar nicht, welches Risiko sie eingehen.“

Für Anwohner ist der Besuch kostenlos, 18GM finanziert sich durch Touris-ten, die für den Besuch 50 Rand (3,60 Euro) zahlen. Dazu verkauft er T-Shirts und Getränke. 1700 Besucher verzeichnete das informelle Museum allein im vergangenen Halbjahr. Nqeketho will das Konzept nun auch in anderen Armen-vierteln umsetzen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Tourismus eine Chance in den Townships hat“, sagt er. Dafür seien vor allem zwei Dinge nötig: „Harte Arbeit. Und der Abbau von Vorurteilen.“