19.10.2016

Tod über Tage

Südafrikas Konzerne machte das Gold reich - und Tausende schwarze Arbeiter krank. Sie fordern Entschädigung

In den schlechteren Nächten, da ist es, als brenne ein Feuer in der Brust. Dann krümmt der Schmerz den hageren Körper von Mthlayana Mtwentla. Er verkrampft so sehr, dass der 54-Jährige nicht ohne die Hilfe seiner Frau aufstehen kann. Alles in ihm wehrt sich gegen die Fremdkörper in seinen Lungenflügeln, will sie mit Gewalt herausbrechen, so wie Mtwentla jahrzehntelang Gesteine aus den Goldminen Südafrikas gebrochen hat.

In den besseren Nächten rebelliert die Lunge etwas weniger, das Atmen fällt leichter. Doch dann schleichen sich die Gedanken in das Dorf Gadi am südafrikanischen Ostkap. Mtwenla liegt dann schlaflos im Bett. Wann kommt der Tod? Wird er das zusammengeschusterte Haus, dessen Blechdach er gerade so bezahlen konnte und in dem Gäste auf zerbrochenen Benzinkanistern sitzen müssen, je fertig bauen? Und was wird aus Machumela, seiner Frau?

Männer wie Mtwentla haben für Südafrikas Aufstieg zur größten Volkswirtschaft des Kontinents malocht. 1970 war die Nation für zwei Drittel der weltweiten Goldproduktion verantwortlich. Es war ein Goldrausch mit gewaltigen Profiten für die Bergbaufirmen. Inzwischen ist ihr Anteil an der Weltproduktion unter zehn Prozent gefallen, doch das Geschäft geht weiter - wenngleich sie bis zu vier Kilometer tief graben müssen, um den Schatz zu heben. Seit jeher ist Gold beliebt bei Anlegern - vor allem in turbulenten Zeiten wie diesen, wo klassische Spareinlagen wegen der Zinsflaute kaum noch Gewinne abwerfen und zudem die Angst vor Bankenkrisen allgegenwärtig ist. Kein anderer Rohstoff steht außerdem so sehr für Prestige und Liebe - und neuerdings für milliardenschwere Prozesse.

Vor drei Jahren erhielt Mtwentla die Diagnose. Silikose, im Volksmund auch Quarzstaublunge genannt. Zwischen 100.000 und 300.000 Bergarbeiter leiden in Südafrika an der unheilbaren Krankheit, die durch das Einatmen des scharfkantigen Quarzstaubes in den Minen entsteht. Die Lunge kann immer weniger Sauerstoff aufnehmen, das Risiko, an einer ansteckenden Tuberkulose zu erkranken, vervierfacht sich.

Es ist ein langsamer, ein unbemerkter Tod, weit entfernt von den großen Städten und noch ferner vom Image, das die Schmuckindustrie über Jahrhunderte rund um das Edelmetall aufgebaut hat. Mtwentla wurde wegen der Silikose-Diagnose vom Konzern Anglo Gold Ashanti entlassen. "Alles vorbei", sagt er, "einen Job über Tage wollten sie mir nicht geben." Er bekam umgerechnet nicht einmal 3000 Euro Entschädigung für seine Berufsunfähigkeit und zog aus dem Berbau-Hostel in der Nähe von Johannesburg zurück in die Stille des 900 Kilometer entfernten Ostkaps.

Seit mehr als 100 Jahren ist der lebensgefährliche Effekt von Silikose nachgewiesen. Doch in Südafrika, wo das Apartheid-Regime lange die Ausbeutung der schwarzen Bergarbeiter förderte, wurde erst nach Einführung der Demokratie in den 90er-Jahren im nennenswerten Umfang in den Schutz der Kumpel investiert - Jahrzehnte nachdem dies Bergwerke in den USA oder Kanada getan hatten. Und es dauerte bis zu diesem Jahr, dass die Konzerne für ihre Versäumnisse zur Verantwortung gezogen werden.

Im Juni ließ ein Gericht in Südafrika die bislang größte Sammelklage gegen Bergbaukonzerne zu. 69 Minenarbeiter fordern Entschädigung von 32 Bergbaukonzernen, deren unsichere Arbeitsbedingungen zur Entstehung von Silikose und oft auch Tuberkulose beigetragen haben. Der zuständige Richter bezeichnete eine Sammelklage als "einzige realistische Möglichkeit" für die oft mittellosen Opfer, ihre Ansprüche geltend zu machen. Über fünf Jahre hatten die hoch bezahlten Anwälte der Industrie gegen diese kollektive Klage gekämpft, auch jetzt geben sie nicht auf. Ende September legten sie Berufung ein.

Denn auf die Industrie kommt nun eine Lawine zu. Der Richter sprach von "18.000 bis 500.000 möglichen Betroffenen", die sich der Sammelklage anschließen könnten. Zehntausende werden bereits von drei großen Anwaltskanzleien repräsentiert. Für die Industrie geht es um Milliarden. Das zeigt eine außergerichtliche Einigung der Konzerne AngloGold Ashanti und Anglo American South Africa mit 4400 an Silikose erkrankten Bergarbeitern. Die Entschädigungszahlungen summieren sich auf 464 Millionen Rand (30,5 Millionen Euro), rund 7000 Euro pro Leben mit verstaubter Lunge also.

Das ist weit weniger, als die Anwälte den Kumpeln bei einem Prozess versprechen. Aber immerhin: eine Entschädigung. Ein Prozess würde Jahre dauern, und Silikose verkürzt die Lebenserwartung erheblich, jedes Jahr sterben vier Prozent der erkrankten Bergarbeiter. Zwar qualifizieren sich dann die Angehörigen für Entschädigungen, bekommen aber nur einen Bruchteil ausgezahlt. Und je mehr Zeit vergeht, desto niedriger fällt die Rechnung für die Konzerne aus.

Mtwentla hat das Gefühl, dass ihm die Zeit davonläuft. Mit 18 Jahren hatte er zu schuften begonnen. Damals, 1979, war es der normale Weg für junge Männer am Ostkap. Ein paar Jahre schlechte Schulbildung, dann kamen Rekrutierer ins Dorf. In den Bergwerken ließ sich mehr verdienen als auf den Feldern, versprachen sie. Genug, um eine Familie zu ernähren und eine kleine Hütte zu bauen. Mtwentla hatte keine Wahl. Er zog los. Wie Hunderttausende.

Es lässt sich nur erahnen, wie stark dieser dürre Mann einmal war, als er an vorderster Front den täglichen Kampf gegen das Gestein aufnahm. Mtwentla bediente den Bohrhammer, das ist der härteste und bestbezahlte Job unter den einfachen Arbeitern. Zuletzt verdiente er immerhin rund 500 Euro im Monat, Tonne um Tonne brach er aus der Erde. Am Ende aber wird doch das Gestein gewinnen, wenige Gramm, die sich für immer in seiner Lunge festgesetzt haben. In den 90er-Jahren trug er zum ersten Mal eine Atemschutzmaske. Zu spät. Die Schächte wurden nicht annähernd ausreichend gewässert, um den Staub auf ein verträgliches Maß zu reduzieren.

Zuerst infizierte er sich mit Tuberkulose, die von der Arbeit in den Schächten begünstigt wird. Seine erste Frau ließ sich von ihm scheiden, während er noch im Krankenhaus lag. Mtwentla kämpfte, nahm sechs Monate lang Medizin, die heftigen Brechreiz hervorrief - und wurde gesund. Er lernte Machumela kennen, sein Traum von einem späten Stück Glück über Tage blieb am Leben. Mtwentla kehrte zurück ins Bergwerk. Als die Ärzte aber einige Jahre später auf Röntgenaufnahmen die Silica-Nanopartikel entdeckten, war er seinen Job los. Im vergangenen Jahr wurden umgerechnet 2630 Euro Entschädigung ausgezahlt. Seitdem lebt er von rund 100 Euro staatlicher Invalidenrente im Monat. Almosen für Arbeitnehmer Nummer "CA352608" des Milliardenkonzerns AngloGold Ashanti.

Die Bergleute am Ostkap waren lange stille Opfer. So wie Mtwentlas Vater, der jahrelang hustete und dann starb. Ob an Tuberkulose oder Silikose, das weiß Mtwentla nicht so genau. Auch im Nachbarhaus ist ein Bergarbeiter viel zu früh gestorben. Eine Hütte weiter auch. Es ist ein einfaches Leben hier und ein unauffälliger Tod. Mtwentla will nicht einfach sterben. Er will Gerechtigkeit.

Für Leute wie ihn kämpft Richard Spoor seit Jahrzehnten. Der Menschenrechtsanwalt verhalf einst Arbeitern in Asbest-Minen zu Entschädigungen, nun vertritt er Mtwentla und rund 28.000 weitere ehemalige Bergarbeiter vor Gericht. Eine schwere Aufgabe sei das, erzählt Spoor. Im Idealfall muss er eine lukrative außergerichtliche Einigung erzielen, damit möglichst viele seiner Klienten die Entschädigungszahlung noch erleben. Auf der anderen Seite will er nicht, dass die Bergbaukonzerne mit Zahlungen aus der Portokasse davonkommen. "Die Unternehmen setzen die Zeit gegen uns ein und ziehen das Gerichtsverfahren in die Länge", sagt er "das setzt uns natürlich unter Druck." Nur eines stehe fest: Die 7000 Euro Entschädigung pro Arbeiter, die im März von Kollegen verhandelt wurden, seien für seine Mandanten "nicht annähernd angemessen". Ein lächerlicher Preis für zerstörte Lungen und Leben.

Bei den Verhandlungen wirkt erschwerend, dass neben den aktuellen Entschädigungen auch geklärt werden soll, wer zukünftig die Verantwortung für Silikose-Opfer trägt. Die Industrie strebt ein Modell an, das die Verantwortung von den Besitzern der Bergwerke zu den Arbeitgebern schieben würde. In diesem Fall sind das Zulieferfirmen, die den Konzernen Arbeitnehmer vermitteln. "Das System würde niemals funktionieren und kollabieren, dann müsste am Ende der Staat haften", sagt Spoor, "das ist Wahnsinn."

Auf Konzernseite sieht man das anders. Es gehe darum, das Entschädigungssystem zu verbessern, sagt Alan Fine, der Sprecher von sechs angeklagten Bergwerkskonzernen (African Rainbow Minerals, AngloGold Ashanti, Anglo American South Africa, Gold Fields, Harmony Gold, Sibanye). So würden viele Arbeiter auf Zahlungen warten, weil das System von staatlichen Behörden mitverwaltet werde. Hunderttausende Fälle seien unbearbeitet. Im Interesse aller sei nun eine schnelle außergerichtliche Entscheidung.

Fine weist den Vorwurf zurück, die Industrie spiele auf Zeit. Man habe schon innerhalb weniger Wochen Berufung gegen die Genehmigung der Sammelklage eingelegt, "die Frist wurde längst nicht ausgereizt." Zudem sei die mögliche Zahl von bis zu 500.000 betroffenen Bergarbeitern "deutlich übertrieben". Er nehme an, dass der Richter dieser Einschätzung nicht geeignete wissenschaftliche Studien zugrunde gelegt habe. Überhaupt seien die Sicherheitsbedingungen unter Tage zuletzt enorm verbessert worden. Niemand, der seit 2008 in den sechs Konzernen mit der Arbeit begonnen hat, sei mehr positiv auf Silikose getestet worden.

Bongani Bara kann das nicht so recht glauben. Seit 16 Jahren betreibt der Arzt in der Kleinstadt Port St. Johns eine Praxis, die er mit knappem Budget in einem Container eingerichtet hat. Sie liegt verschlafen am Umzimvubu-Fluss, in Gasthäusern der Gegend hängen Fotos von Touristen mit riesigen Fischen am Angelhaken. Zu Bara kommen täglich Bergleute mit chronischem Husten, gegen den auch keine Tuberkulose-Medizin hilft. "Diese Leute haben kaum Bildung, sie wissen nichts über die Gefahren", sagt Bara, "und Silikose ist eine tückische Krankheit. Es dauert oft über zehn Jahre, bis sich Symptome zeigen." Viele Berufsanfänger könnten erkrankt sein, ohne es zu merken.

Hinter seinem Schreibtisch verschränkt der Mediziner die Arme und will über Politik reden. Früher habe die Apartheid die Schwarzen ausgebeutet, wütet er. Heute seien die Bergarbeiter auch aufgrund des "politischen Willens" der Regierungspartei African National Congress (ANC) weiter in der Opferrolle. "Sie sind die Ärmsten der Armen und können es sich nicht leisten, Nein zu dieser Arbeit zu sagen." Alternativen gebe es weiterhin keine. Selbst als Kranke würden sie ausgenutzt. Bergarbeiter hätten Gebühren in Höhe von 50 bis 100 Euro an vermeintliche Anwälte gezahlt, die ihnen utopische Entschädigungszahlungen versprochen hätten und dann einfach verschwunden seien.

Bara hat sich einer Oppositionspartei angeschlossen, damit sich im Großen etwas wandelt - irgendwann. Doch manchmal kann er im Kleinen auch hier in seinem spärlichen Container etwas ändern. Ein Röntgengerät besitzt er nicht, die gibt es selten in südafrikanischen Dörfern - trotz der gesetzlichen Verpflichtung der Bergbaukonzerne, auch in fernen Gegenden mit vielen ehemaligen Bergarbeitern die medizinische Versorgung zu unterstützen. Wenn ehemalige Bergarbeiter mit Lungenbeschwerden zu Doktor Bara kommen, bleibt ihm nur, einen Verdacht auf Silikose zu diagnostizieren. "Ich schreibe dann Silikose in den Report", sagt er, "sie brauchen diese Unterstützung. Mit etwas Glück bekommen sie so immerhin etwas Behindertenrente." Es ist seine Art, das System zurechtzurücken.

Im Dorf Gadi erhebt sich Bergarbeiter Mtwentla langsam von dem Kanister, auf dem er die letzte Stunde geruht hat. Andere Bergleute hoffen auf annähernd 100.000 Euro Entschädigung. Mtwentla weiß, dass schon 13.000 Euro ein enormer Erfolg wären. Was er mit dem Geld anfangen würde, das weiß er genau. Das Dach muss fertig werden. Aber dann kommt noch vor den Möbeln die Bildung des Sohnes. Der ist 16 und überaus talentiert, erzählt der Vater stolz. Er soll einmal alles werden dürfen. Nur nicht Bergarbeiter.