Suche nach dem großen Fisch
Die Polizei fahndet nach den Hintermännern im Mordfall Gemballa

Der Tatort ist ein Johannesburger Vororthaus, wie es durchschnittlicher kaum sein könnte. Nummer 64, First Avenue, liegt hinter zwei Meter hohen Mauern, der Rasen ist frisch gemäht. Ein Schild, auf dem ein Rottweiler abgebildet ist, soll Einbrecher abschrecken.
Nebenan steht ein Gasthaus, gegenüber sind einige Tennisplätze. Es ist ein beinahe bizarr normaler Ort, an dem der Porsche-Tuner Uwe Gemballa aus Leonberg (nahe Stuttgart) im vergangenen Februar auf brutale Weise erstickt wurde. Die südafrikanische Ausgabe der „Sunday Times“ zitierte gestern aus der Anklageschrift gegen den bereits zu 20 Jahren Haft verurteilten Mörder Thabiso Melvin Mpye. Demnach habe Mpye den Deutschen in dem Haus nach einigen Tagen Gefangenschaft „mit Isolierband gefesselt und alle Luft aus ihm aus seinem Körper gepresst, indem er sich auf den Oberkörper setzte“. Nach drei bis vier Minuten sei laut Gerichtsmedizinern der „kaum qualvoller mögliche“ Tod eingetreten.
Gemballa, der in das Visier deutscher Steuerermittler geraten war, kam am 8. Februar in Johannesburg an, um ein Franchise-Unternehmen seiner weltbekannten Firma Gemballa Automobiltechnik GmbH&Co. zu gründen. Doch noch am gleichen Tag rief der 54-Jährige seine Frau Christiane an und erzählte ihr von „einem Unfall“. Sie solle eine Million Euro auf ein Konto transferieren. Seine Frau schöpfte Verdacht und verständigte die Polizei. Es blieb das letzte Lebenszeichen ihres Mannes. Knapp acht Monate später – Ende September – fanden die Ermittler in einem 70 Kilometer entfernten Township seine Leiche.
Prozessbeobachter wie der Strafrechtsexperte William Booth gehen davon aus, dass die Ermittler auf den Fang von „größeren Fischen“ hoffen. „Der Mörder wurde innerhalb von 24 Stunden verurteilt. Ich habe so etwas in den 30 Jahren meines Berufslebens noch nicht erlebt“, sagte Booth. Er halte es für wahrscheinlich, dass Mpye einer Zusammenarbeit mit der Polizei zugestimmt habe und die Strafe im Gegenzug später wegen des übereilten Verfahrens reduziert werde.
Ob der Mieter des Hauses, der bulgarische Geschäftsmann Ivan S., zu den großen Fischen gehört, blieb vorerst unklar, er war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Doch offenbar war Gemballa in einen internationalen Geldwäschering verwickelt, an dem der in Südafrika lebende Tscheche Radovan Krejcir maßgeblich beteiligt sein soll. In seiner Heimat liegt ein Haftbefehl wegen Betrugs gegen Krejcir vor. Doch ein Auslieferungsgesuch wurde abgelehnt, obwohl auch in seinem Exil mehrere Verbrechen mit Krejcir in Verbindung gebracht werden.
Offenbar hatte Krejcir Gemballa mit der Aussicht nach Südafrika gelockt, er werde Investitionen aufbringen. Die „Sunday Times“ berichtete, dies sei nach Angaben des ehemaligen Krejcir-Geschäftspartners Juan Meyer nicht der erste Kontakt gewesen. Meyer versicherte per Eidesstattlicher Erklärung, dass Gemballa Luxuskarosserien nach Südafrika lieferte, in denen Bargeld versteckt war. Als sich hinter der Türverkleidung eines Porsches jedoch nicht wie versprochen eine Million Euro befunden habe, sei es zum Streit mit dem Tschechen gekommen.
Krejcir, der einst einen von Gemballa getunten Porsche erworben hatte, behauptete vor einigen Wochen in dem Magazin „Tyden“, er habe Gemballa nur einmal im Jahre 1995 gesehen und seitdem keinen Kontakt mehr gehabt. Ein paar Tage später widersprach er sich in einem Interview mit der „Cape Times“ selbst. Er habe mit dem Schwaben ein Treffen geplant. Doch das sei wegen Gemballas Verschwinden nie zustande gekommen.
Erschienen in die Welt, 8. November 2010