12.01.2012

Schwarze Pioniere des Weins

Von 4600 südafrikanischen Weinfarmen sind nur eine Hand voll im Besitz schwarzer Familien

Winzerin Ntsiki Biyela © Felix Seuffert

Ihre Finger zitterten, als Ntsiki Biyela den Korken aus der Flasche zog. So aufgeregt war sie selten. Sie saß auf einer Strohmatte im Wohnzimmer ihrer Groß-mutter, dort, wo sie so viele Nachmittage ihrer Kindheit verbracht hatte. Nie hatte die alte Frau ein Glas Wein getrunken. Diesen Cabernet Sauvignon aber, Jahrgang 2004, hatte die Enkelin selbst gekeltert. Als eine der ersten schwarzen Südafrikanerinnen überhaupt. Es war ein besonderer Wein.

Der Wein hatte in der Branche hervorragende Kritiken bekommen. Hier aber, auf dem winzigen Dorf in der Nähe von Durban, griff die Großmutter zögerlich zu dem Glas, das die Enkelin zu einem Drittel gefüllt hatte. Sie trank einen Schluck, und Biyela merk-te, dass sie sich bemühen musste, nicht die Mundwinkel angesichts der ungewohnten Säure des Weins zu verziehen. „Wie findest du ihn“, fragte sie. Die Großmutter versuch-te einige Sekunden, sich an den Geschmack des Weines zu gewöhnen. Dann lächelte sie voller Stolz: „Er ist sehr gut.“

Biyela lehnt sich in ihren Stuhl zurück. In Gedanken bleibt sie noch einige Sekunde bei dem Moment vor sechs Jahren, den sie als den schönsten in ihrer Karriere be-schreibt. Sie redet ruhiger und langsamer als sonst, wenn sie von ihrem Heimatdorf er-zählt. Doch dann ist die 33-Jährige mit dem Rasta-Zopf wieder ganz in der Gegenwart. Sie sitzt an einem massiven Holztisch, Zentrum des schicken Präsentationsraumes, in dem das Stellekaya Weingut von Stellenbosch zu Weinproben bittet. An der Wand hän-gen Bilder von Nelson Mandela, gewaltige Weinregale geben der modernen Architektur Atmosphäre. Längst ist das hier ihre Welt.

Am Morgen hat sie Laboranalysen der nächsten Ernte ausgewertet, bis zum Abend muss sie mit drei Arbeitern noch ein Lager neu ordnen. Also Schluss mit den Sentimen-talitäten. Bei Stellekaya arbeiten nur zehn Mitarbeiter, da müssen alle mitziehen. „Busy times“, sagt sie. Hektische Zeiten. Und es klingt wie: Gut so.

Nur nicht stehenbleiben, auch wenn sie schon jetzt mehr geschafft hat, als ihr viele in der Industrie zugetraut haben. Denn diese wird in den hoch qualifizierten Jobs wie keine andere weiterhin von der weißen Minderheit Südafrikas dominiert. „Als ich vor zehn Jahren auf meinen ersten Weinbauerkongress gegangen bin, war ich die einzige Frau – und die einzige Schwarze“, sagt Biyela, „es kommen einige nach, aber neulich haben wir bei einem Kongress ein Gruppenfoto gemacht. Und es war immer noch das gleiche Bild.“

Südafrika ist der siebtgrößte Weinproduzent der Welt. 1,2 Milliarden Flaschen wer-den jährlich produziert, besonders in den Winelands in der Nähe von Kapstadt, wo 275.000 Arbeitsplätze von diesem Wirtschaftszweig abhängen. Das Land war im inter-nationalen Weinmarkt einer der Senkrechtstarter des vergangenen Jahrzehnts. Dabei profitierte Südafrika – neben der zweifellos zumeist herausragenden Qualität – auch von seinem Image als Regenbogennation nach dem friedlichen Systemwechsel zur Demokratie.

Doch von den 4600 Weinfarmen sind nur 30 im Besitz von schwarzen Farmern, sagt Nick Vink, Professor für Agrarökonomie in Stellenbosch. „Es tut sich ganz langsam et-was, vor fünf Jahren waren es erst zehn.“ Der Einstieg ist schwierig, schließlich ist das Handwerk komplex und der Markt umkämpfter denn je – die Boomjahre 2004 und 2005 liegen lange zurück. „Die Gesamtzahl der Weinbauern hat seitdem um zehn bis 15 Pro-zent abgenommen“, sagt Vink, „die Goldenen Jahre sind vorbei.“ Exporte in den Kern-markt Europa haben zuletzt unter der Wirtschaftskrise gelitten. Auch die Stärke des Rands, die aus der erhöhten Nachfrage nach Gold resultierte, lastete schwer auf der Branche.

Und die ist überwiegend vom Export abhängig, schließlich ist der eigene Markt klein – und trotz steigender Nachfrage in der neuen schwarzen Mittelklasse insgesamt rück-läufig. 350 Millionen Liter wurden im Jahr 2010 getrunken. Das sind rund 12 Prozent weniger als noch vor einem Jahrzehnt. Der wirtschaftliche Druck ist oft groß, und so passt es ins Bild, dass die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch im Au-gust einen Bericht veröffentlicht hat, in dem von teilweise katastrophalen Bedingungen für die Farmarbeiter berichtet wurde.

In Fallbeispielen wurde der Einsatz gesundheitsschädlicher Pestizide, unwürdigen Unterkünften, Hungerlöhnen und der Bezahlung eines Teil des Gehalts in Weinrationen – was scheit seit Zeiten der Apartheid verboten ist. Mehrere Berufsverbände der süd-afrikanischen Weinbauindustrie kündigten Untersuchungen an, kritisierten aber, es wür-de mit anonymisierten Einzelfälle und empirische Daten vorschnell die gesamte Bran-che des Landes verurteilt.

Fakt aber ist, dass viele Weinbauer ihre Kosten bis an die Grenzen des Erlaubten senken. Der Markt ist auch wegen der zunehmenden Präsenz von kostengünstig pro-duzierenden Konzernen umkämpfter geworden, große Profite machen vor allem die großen und Etablierten Marken – und so wird der Markteinstieg immer teurer und ris-kanter. Oft handelt es sich bei den neuen schwarzen Besitzern um Kooperationspartner von bereits existierenden Farmern. Zunehmend werden auch die Farmarbeiter in Form einer eigenen Gesellschaft am Unternehmen beteiligt. Weinfarmen, die zu 100 Prozent von Schwarzen geführt werden, bleiben die Ausnahme.

Diale Rangaka ist so eine Ausnahme. Er war Wirtschaftsprofessor an der Universität Rustenburg, nun geht er durch Weinreben seiner Farm in der Nähe von Kapstadt, 1500 Kilometer entfernt von der Heimat. „Wir sind wohl Pioniere“, sagt er, „dabei war mir das zuerst gar nicht bewusst.“ Im Jahr 2003 hat seine Familie nach jahrelangem Kampf mit den Banken die 42 Hektar große Farm gekauft, es war Gut Nummer 21, das er sich an-geschaut hatte. Als Rangaka dann auf ein Treffen der örtlichen Weinbauer ging, erzähl-ten ihm seine Nachbarn, dass sein Weingut das erste im Besitz einer einzelnen schwarzen Familie sei. Seine Frau Malmsey ist die Chefin, er kümmert sich um das operative Geschäft. Und beide legen Wert darauf, dass die Farm privatfinanziert und nicht Teil des umstrittenen Förderprogramms Black Economic Empowerment sei. Die Regierung habe lediglich einen Kredit zu 20 Prozent übernommen.

„M’Hudi“ haben sie ihre Marke genannt, in Anlehnung an den Titel des ersten Ro-mans, der von einem schwarzen Südafrikaner auf Englisch veröffentlicht wurde. 1930 war das. Ein Mädchen namens M’Hudi steht vor den Trümmern ihres im Krieg zerstör-ten Dorfes. Nach einem Moment der Trauer bricht sie auf und trifft eine Reihe großarti-ger Menschen, darunter die Liebe ihres Lebens. „Es ist eine Geschichte des Mutes, die lehrt, sein Leben in die Hand zu nehmen“, sagt der 59-Jährige, „und dieser Wein ist das Produkt unseres Lebens.“

Rangaka geht den steinigen Weg, ähnlich wie die Romanfigur M’Hudi. Die Familie wusste nicht viel über Weinbau. Das erste Glas Wein seines Lebens hatte er als junger Mann mit Traubensaft verdünnt, weil er den Geschmack nicht mochte. „Es dauerte, bis ich mich wirklich mit diesem Getränk angefreundet habe.“ Nach dem Kauf der Farm belegte er Kurse an örtlichen Fachschulen, er lernte von seinen Facharbeitern, aber auch den Nachbarn. „Sie haben mir geholfen, obwohl sie Konkurrenten sind.“

Zunächst verkaufte die Familie nur Trauben, seit ein paar Jahren gibt es dazu die eigene Marke – der Wein wird in einer fremden Winzerei produziert. Nebenbei versu-chen die Rangakas, zunehmend Touristen auf ihr Weingut zu locken. Das ist längst ein wichtiges Standbein der Branche, allein 300.000 Besucher zählt das älteste Weingut Südafrikas, Groot Constantia, jährlich. M’Hudi’s Ambiente ist deutlich weniger glamou-rös, aber trotzdem kommen Besucher. „Unsere Hoffnung ist, dass die Zahl der sozialen Konsumenten weiter wächst. Uns besuchen viele Touristen aus Deutschland und den Niederlanden, die von unserer Geschichte gehört haben.“

Doch für die eigene Winzerei fehlt das Geld, nur während der arbeitsintensiven Mo-nate von Juni bis Oktober beschäftigt die Familie 25 Arbeiter. Vor ein paar Wochen hat er einem Eventveranstalter erlaubt, ein Picknick auf seinem Grundstück zu veranstal-ten. Die Hoffnung auf neue Kunden war groß. Anstelle der angekündigten 300 aber ka-men 3000 Menschen, und nur wenige tranken Wein. Die Veranstaltung endete um sie-ben Uhr abends, der Weinbauer sammelte persönlich bis nachts um drei den Müll auf.

Woolworths, eine der großen Supermarktketten des Landes, hat den Wein in sein Sortiment aufgenommen. Andere lehnten den Wein ab, und Rangaka fürchtet, dass seine Winzerei ihm nicht genug Kapazitäten zur Verfügung stellen kann, die er für an-gestrebte Exporte nach China benötigen würde. Manchmal erwischt sich der Ge-schäftsmann dabei, dass er die Gründe für Rückschläge ein wenig voreilig in Rassis-mus sucht. „Meine Kinder sehen nicht die Hautfarbe, sondern ob ein Mensch freundlich, unhöflich, attraktiv oder unattraktiv ist. Ich sehe zunächst: Ah, ein Weißer. Und erst dann den Charakter.“ Neulich sagte der sein Sohn zu ihm: „Du siehst Rassismus hinter jedem Busch.“ „Ja, weil hinter jedem Busch tatsächlich Rassismus ist.“ „Nein, Du ver-wechselst Unhöflichkeit mit Rassismus.“

Mehr als an plumpen Vorurteilen mangelt es natürlich an Kapital für derart kostenin-tensive Sparten, aber auch – wie in den meisten Branchen Südafrikas – an durchdach-ten Programmen für Existenzgründer. Und gelegentlich sogar an der Bereitschaft, Chancen wahrzunehmen. Anders als Ntsiki Biyela: Sie ergriff den Beruf der Winzerin zunächst nicht aus der Liebe zum Wein, sondern weil sie ihn als Chance für eine gesi-cherte Zukunft erkannte.

Sie bekam ein Stipendium an der Universität von Stellenbosch, und nahm dafür in Kauf, über 1000 Kilometer von der Heimat wegzuziehen. „Als ich neulich zu Besuch kam, habe ich den beiden intelligentesten Mädchen des Dorfes zwei Bewerbungsbögen für Stipendien gegeben“, erzählt Biyela, „sie wollten nicht. Das sei zu weit weg.“

Biyela weiß natürlich, dass es schwierigere Zeiten als nach ihrem Studienabschluss im Jahr 2003 sind, unabhängig von der Hautfarbe. Damals bekam sie sofort einen Job. „Derzeit bekommen von zehn jungen Winzern nach der Universität vielleicht drei einen Job.“ Die Entscheidung der beiden Mädchen kann sie trotzdem nicht verstehen: „Man muss es doch probieren.“

Es ist kaum zu glauben, dass Biyela sie nicht umstimmen konnte. Die junge Frau re-det mit geradezu literarischem Enthusiasmus über ihren Beruf. „Ein Wein muss mich auf eine Reise führen“, sagt sie, und gibt den Worten mit den Händen Nachdruck. Ihr Lieblingswein, ein Cabernet Sauvignon aus dem Jahr 2005, versetze sie augenblicklich in die Wälder in der Nähe ihres Heimatdorfes, sie nehme den Geruch der Früchte wahr, spüre die Wärme Bodens und die Energie des Flusses.

Sie analysiert die Laborwerte, aber die allerletzte Entscheidung fällt oft ihr Bauchge-fühl. Oft ruft Biyela dann befreundete Winzer an, und bittet sie um ihre Meinung. Das sei fast so wie Musiker, die sich untereinander ihre neuen Songs vorspielen und darüber diskutieren, sagt sie.

Und manchmal, wenn die Kraft auszugehen droht, denkt sie an die Weinprobe mit ihrer Oma zurück. Vor sechs Jahren ist sie gestorben, aber Biyela ist sich sicher, dass sie noch immer jeden ihrer Schritte beobachtet. Einen nach dem anderen will sie gehen, von einer eigenen Winzerei nicht reden. Zu viel Druck. Aber sie will, dass die Großmut-ter weiter stolz auf sie ist. Und sie selbst auch ein bisschen.

 

Erschienen in WELT am SONNTAG, 18. Dezember 2011