Quick-quick Nollwood-Style
Nigerias Kinoindustrie ist die zweitgrößte der Welt. Ein Drehtag mit dem bekanntesten Regisseur des Landes

„Wo ist der verdammte Schlüssel?“ Die Sekunden verrinnen und mit ihnen das Budget für „Behind Closed Doors II“, den zweiten Teil des nigerianischen Kassenschlagers „Hinter Geschlossenen Türen“. Ruhelos läuft Lancelot Oduwa Imasuen vor den Mauern der Villa auf und ab, in der eigentlich längst gedreht werden sollte. Das Handy ans Ohr gepresst, die Worte preschen aus dem Mund des Regisseurs. „Wo bist Du...?“ „Weißt du, was mich das kostet?“ 20 Leute stehen am Straßenrand, darunter einige der bekanntesten Schauspieler des Landes. Doch der Drehort bleibt versperrt.
Imasuen ist kein Mann, den man warten lässt. Er ist klein und muskulös, um den Hals baumelt eine Kette mit dem Jesus-Kreuz. Seine Arme fuchteln ununterbrochen, als dirigiere er ein ganzes Orchester. Seine Stimme knattert lauter als der Straßenverkehr. Alle hören auf ihn, seine Autorität leidet nicht einmal unter den Flip-Flop-Sandalen, mit denen er heute zum Dreh gekommen ist. Fünf Szenen müssen in den Kasten, dann fehlt zur Vollendungs seines 105. Spielfilms nicht mehr viel. Ganze 40 Lebensjahre hat er dafür gebraucht, pro Jahr dreht er im Schnitt sechs bis sieben. Imasuen ist es gewohnt, die Fäden in der Hand zu halten – er ist einer der Superstars der Nigerianischen Filmindustrie „Nollywood“.
Doch in Nigeria fallen an manchen Tagen auch Superstars dem Chaos zum Opfer. Der Besitzer der Villa mit den riesigen Marmorsäulen-Kopien am Eingang ist der Kultusminister der Provinz Edo State – und hat gerade seinen Job verloren. Es gab wohl einige Unregelmäßigkeiten im Kabinett, woraufhin es vom Gouverneur komplett aufgelöst wurde. Und das ausgerechnet an diesem Morgen. Nach einer Stunde kommt sein Sohn schließlich doch noch, er schließt auf und Imasuen treibt sein Team durch die Pforten. Noch ein kurzes Gebet, dann ertönt sein Ruf, der keinen Raum für Widerspruch gestattet: „Ääääcctttschenn.“
wer Not, Träume und Ehrgeiz Nigerias wirklich verstehen will, der sollte sich einen der Filme von Imasuen zu Gemüte führen. Oder eines anderen Filmemacher des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas, das – mit 600 Filmen rein quantitativ – die weltweit größte Filmindustrie nach Bollywood (Indien) stellt. Knapp 200 Millionen Euro erwirtschaftet die Branche jährlich und ist damit nach dem öffentlichen Sektor der größte Arbeitgeber des Landes.
Auch das gilt rein quantitativ: Die Ölindustrie bringt zwar ein Vielfaches an Profit, aber schafft nur wenige Arbeitsplätze: Eine kleine, gut ausgebildete Elite profitiert. Nollywood-Filme werden oft mit einem Budget von rund 10.000 Euro produziert. Sie erzählen Geschichten aus dem Herzen Nigerias, über Liebe und Verrat, wirtschaftlichen Aufstieg oder die Kraft des zumeist christlichen Guten gegen das Böse. Dargestellt werden sie von einer Mischung aus mehr oder weniger erfahrenen Schauspielern, die Szenen am Laptop zusammengeschnitten – angereichert mit Spezialeffekten, die an Hollywood-B-Movies der 50er Jahre erinnern.
So hat auch Imasuen angefangen. Inzwischen ist er einer der „Big Men“ Nollywoods. Sein Film „Close Enemies“ kostete über 200.000 Euro und gehört damit zu den aufwändigsten in der Geschichte Nigerias. Aber gestern zählt nicht, jetzt fließt seine Energie in „Behind Closed Doors II“, bei dem mit Richard Mofe Damijo (kurz „RMD“) einer der Topverdiener Nollywods mitspielt – für Leute wie ihn werden über 10.000 Euro bezahlt. Pro Film wohlgemerkt, nicht Tag.
Das etwas verwirrende Drehbuch in den Worten des Regisseurs: „Ein impotenter Ehemann bittet seinen unverheirateten Bruder, seine Frau zu schwängern. Als er sich umentscheidet, erwartet die Frau bereits ein Kind. Er ist besessen von dem Gedanken, dass sie einen Bastard austrägt, schließlich schießt er auf sie.“ Es sei ursprünglich kein zweiter Teil vorgesehen gewesen, aber der Erfolg sei gewaltig gewesen. Also weiter: „Wie durch ein Wunder überleben alle und ein DNA-Test ergibt schließlich, dass es sein eigenes Kind ist. Er war gar nicht impotent.“
Vor der Villa wird in der Mittagshitze eine Szene nach der anderen abgedreht. Die beiden Brüder liefern sich ein dramatisches Wortgefecht vor dem Eingang, am Ende fliegt ein Koffer durch das Bild. Auf einem Autostellplatz sitzen Schauspieler auf Plastikstühlen, wo sie ihren Text auswendig lernen. Und Imasuen ist einfach überall. Bei den Schauspielern, dem Kameramann, der Drehbuchautorin. „Cut. Das war gut“, krächzt er und wirft die Arme auseinander zum Zeichen des Etappenziels, „bringt mir die anderen Schauspieler.“
Am Nachmittag hat der Regisseur die Verspätung des Vormittages aufgeholt. Pause. „Wir erzählen die Geschichten, mit denen sich Nigerianer identifizieren können“, erzählt er. „Unsere Filme haben auch nicht immer ein Happy End, wie Hollywood-Filme. Die Welt ist nicht fair, warum sollten wir das vorspielen?“
Die Qualität vieler Produktionen ist in den vergangenen Jahren besser geworden, es gibt nun mehrere Schauspielschulen und sogar Pläne, neue Kinos zu bauen – in Nigeria gibt es derzeit kaum welche. Die Industrie aber hätte einen Ausbau der Industrie bitter nötig, sie finanziert sich allein über die Kabelsender oder den Straßenverkauf von DVDs. Oft finanzieren Kirchen Filme, um ihre Botschaften zu verbreiten. So manche Produktionsfirma nimmt das Geld gerne an, zumal der Konkurrenzdruck steigt: Auch in anderen westafrikanischen Ländern wie Ghana floriert die Kinoindustrie.
Das größte Problem aber ist die Produktpiraterie. Nur jede zehnte DVD wird legal verkauft, schon für einen US-Dollar gibt es auf den verstopften Straßen Lagos die neuesten Filme. Und selbst die Fernseh-Sender zeigen Filme bisweilen ohne dafür zu zahlen. Auch das hält ausländische Investoren ab. Nigerias Präsident Goodluck Jonathan hat 130 Millionen Euro für die Behebung des Problems versprochen.
Imasuen ist skeptisch, ob das reicht. Am Abend sind die fünf Szenen im Kasten, der Film ist so gut wie fertig. „Wenn er rauskommt, bleiben mir nur ein paar Tage, um die Kosten wieder einzuspielen“, sagt er, „danach sind zu viele Raubkopien im Umlauf“. Doch dann wird er mit den Gedanken ohnehin woanders sein. Beim Casting für den nächsten Film.
DIE WELT, 14. Juli 2011