18.12.2018

Nigerias Epizentrum der Migration

Zunehmend brechen Nigerianer nach Europa auf - die Mehrheit aus einer Provinz

In der Nacht zum 13. Juli kamen 160 Migranten am Frachtflughafen von Lagos an, die ihre Reise nach Europa in Libyen abgebrochen hatten und in ihre nigerianische Heimat zurückkehrten. Über die Hälfte von ihnen wurde am folgenden Tag mit Bussen 300 Kilometer weitergefahren, in einen der 36 Bundesstaaten: Edo State im mittleren Süden des Landes.

Von dort stammt die Mehrheit aller nigerianischen Migranten. Die im August 2017 eingerichtete „Task Force“ (Krisenstab) für Migration der Edo-State-Provinzregierung schätzt den Anteil auf 60 Prozent. Edo State trägt den Spitznamen „Herzschlag der Nation“ – hier schlägt auch das Herz des Schmuggelnetzwerks.

Für Europa haben die nigerianischen Binnenstrukturen dieses illegalen Gewerbes zunehmend Bedeutung, schließlich stieg die Zahl der Migranten von dort zuletzt erheblich. Mit 7149 Asylanträgen belegte Nigeria etwa in Deutschland im ersten Halbjahr 2018 Rang 4. Damit registrierten sich innerhalb von 6 Monaten annähernd so viele Menschen aus Afrikas einwohnerstärksten Land bei den deutschen Behörden wie im gesamten Jahr 2017 (7448). Trotz mehrerer erheblicher Konfliktherde in Nigeria wird nicht einmal jedem 6. Nigerianer Asyl gewährt. 

Man kann davon ausgehen, dass dieses Thema am Freitag beim Staatsbesuch der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Nigerias Hauptstadt Abuja zur Sprache kommen wird, auf dem Programm steht ein Gespräch mit Präsident Muhammadu Buhari. Während Nigeria mit Nachdruck die Rückreise von in Libyen gestrandeten Migranten unterstützt, hakt es bei den Rückführungsabkommen von abgelehnten Asylbewerbern.

Umso höhere Priorität hat derzeit die Prävention illegaler Migration und die damit verbundene Frage: Warum kommen so viele Migranten aus Edo State, einem Bundesstaat mit 8 Millionen Einwohnern? Evon Idahosa beschäftigt sich seit Jahren mit den Schmuggelnetzwerken in Edo State. Sie leitet die Hilfsorganisation „PathFinders Justice Initiative“ in Benin City, der Hauptstadt von Edo State. Dort kümmert sie sich vor allem um zurückkehrende Frauen, die in Europa als Prostituierte arbeiteten.

Idahosa verweist auf die in gewisser Hinsicht über Jahrhunderte gewachsenen Schlepperstrukturen der Region. Während des 17. Jahrhunderts seien traditionelle Chiefs des damaligen Königreichs Benin Handelspartner für den Sklavenhandel mit Europa und den USA gewesen. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde Migration zum Alltag vieler Bürger. 20 Millionen Nigerianer leben im Ausland, das ist ein Zehntel der Bevölkerung, die Mehrheit davon legal. Ihre Überweisungen in die Heimat machen etwa 5 Prozent des Bruttosozialprodukts aus.

„Während der nigerianischen Wirtschaftskrise Mitte der 1980er Jahre brachen viele Frauen aus Edo State auf, um als Saisonarbeiterinnen in der italienischen Landwirtschaft zu arbeiten“, sagt sie, „als sich mit der aufkommenden HIV-Epidemie viele europäische Frauen aus der Prostitution zurückzogen, füllten oft Nigerianerinnen diese Lücke.“ Das war ein wichtiger Grund, dass die Schleppernetzwerke hier früh wuchsen. Die Mehrheit der nigerianischen Frauen tritt die Reise inzwischen an, um in weniger anrüchigen Niedriglohnsektoren Beschäftigung zu finden. Der Anteil von Sex-Arbeiterinnen aus Edo-State in Europa aber ist nach wie vor überproportional hoch.

Spätestens seit dem Fall von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 und der Öffnung des Krisen-Landes für Migration nutzen mehr Männer als Frauen etablierte und neu entstandene Netzwerke in Edo State, um nach Europa zu reisen. Nach Angaben des Krisenstabes von Edo State machen Männer 2/3 der Migranten aus. Unter den Rückkehrern aus Libyen vom 12. Juli waren von den 160 Migranten nur 6 Frauen.

Von mehreren Quellen ist zu hören, dass der seit knapp 2 Jahren regierende Provinzgouverneur von Edo State, Godwin Obaseki, das Thema mit Nachdruck angeht. Dafür ist unter anderem die Staatsanwältin Abies Oyemwense verantwortlich. Als Generalsekretärin des Krisenstabes koordiniert sie Polizei, Geheimdienst, Ministerien und Hilfsorganisationen bei Prävention, Strafverfolgung und Reintegration. „Die Regierung hat realisiert, dass es höchste Zeit ist, illegale Migration in den Griff zu bekommen“, sagt sie am Telefon, „und wir haben in diesem Jahr viel bewegt.“

Hoffnung machen vor allem Gesetzesänderungen im Mai, die nicht die Migranten selbst, sondern die Schlepper betreffen. Bis dahin brauchten die Strafverfolger für die Ermittlung von Migrationsvergehen Genehmigungen vom Bundesstaatsanwalt. Das ist nun Provinzsache – und damit leichter möglich. „Wir haben jetzt mehr freie Hände“, sagt die Generalsekretärin. 6 Strafverfolger und zehn Staatsanwälte seien in Edo State für diese Arbeit abgestellt worden.

Auch die Strafen für die Drahtzieher wurden erhöht. Eine Verurteilung gab es noch nicht, aber nach Angaben von Oyemwense warten „Dutzende mutmaßliche Schlepper“ im Gefängnis auf ihren Prozess. Sie müssen mit zehn bis 15 Jahren Gefängnis rechnen. Gesetzlich sei neuerdings sogar die Konfiszierung von Häusern möglich, die mit den Erlösen von Schlepperbanden finanziert wurden.

Die PathFinders-Aktivistin Idahosa warnt derweil bei Veranstaltungen Zehntausende junge Frauen vor der Reise. „Sie haben eine völlig falsche Vorstellung von den Bedingungen, die sie in Europa erwarten“, betont Idahosa, „viele werden dazu gezwungen, innerhalb von 2 Jahren mit 4000 Männern zu schlafen. Sie werden vergewaltigt, geschlagen – und am Ende können sie nicht wie erhofft Geld für die Familie nach Hause schicken, weil sie kaum etwas bekommen.“

Und auch die Provinzregierung hat zuletzt neue Programme gestartet, erzählt Krisenstab-Koordinatorin Oyemwense. Ihre Regierung habe mehrere Zentren für Ausbildung eröffnet. Dazu gäbe es dreimonatige Stipendien für Rückkehrer. Viele EU-finanzierte Projekte der Internationalen Organisation für Migration (IOM) für Beschäftigung und Ausbildung laufen gerade erst an.

Die Herausforderung bleibt angesichts der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und enormen Bevölkerungswachstums jedenfalls gewaltig. Oyemwense erzählt, dass die Aufklärungsarbeit der Behörden in den Städten Erfolg habe, die Schlepper aber nun zunehmend in entlegenen Gegenden rekrutieren würden. „Wir informieren jeden Tag in anderen Dörfern über die Gefahr“, sagt sie, „aber wir haben da eine richtig schwere Aufgabe vor uns.“