02.11.2018

Elf Omas müsst ihr sein

In Südafrika treten nach der WM 2010 immer mehr Großmütter gegen den Ball

Die Fußball-Omas von Avon (Fotos: K. Schermbrucker)

Hinter einem kleinen Hügel, überzogen mit dem Muster leerer Chipstüten und Cola-Dosen, weicht alle dörfliche Stille. Zuerst sind es die aufgeregten Rufe, die lachenden Stimmen alter Frauen, die durch die flimmernde Nachmittagshitze dringen. Dann, eine Kurve weiter, zeigt sich der staubige Fußballplatz – umrahmt von maroden Steinhütten. Das Herz des kleinen südafrikanischen Ortes Avon.

Trainingsbeginn für die Großmütter des Blackburn Avon Grannies FC. Die jüngste Spielerin ist 42 Jahre alt, noch eine Nachwuchskraft. Die erfahrenste feierte vor kurzem ihren 80. Geburtstag. Stattliche Frauen rennen und gehen da dem Ball hinterher, so schnell oder langsam es eben geht in den bunten Faltenröcken. Sie treten ihn mit der Spitze der flachgelaufenen Straßenschuhe. „Warum gibst du nicht ab, Albertina?“ ruft es aus der roten Staubwolke. „Selina“, schallt es zurück, „du bist zu weit weg.“

Man weiß nicht genau, wo der Spielfeldrand ist, es gibt keine Linien. Aber dort, wo sie in etwa sein müssten und sich auch ein paar Schafe wieder sicher genug zum Grasen fühlen, haben sich 150 Zuschauer versammelt. Eine Frau fällt in ihrem roten, ärmellosen Kleid etwas auf. In Südafrika nennen sie Beka Ntsanwisi die „Mutter Teresa von Limpopo“, eine Samariterin der strukturschwachen Provinz, in der auch Avon liegt. Für ihre Sozialarbeit hat die Radio-Moderatorin einer Gospel-Show unter anderem den „Baobab-Orden“ verliehen bekommen – die nach dem Affenbrotbaum benannte Auszeichnung gehört zu den höchsten Ehrungen des Landes.

Mama Beka hat sich gefreut. Aber eigentlich erwartet sie keinen Dank. Die 42-Jährige hat ihr Leben lang gegen Armut und Hunger gekämpft – meistens mit ihrem Gehalt, ohne nennenswerte Unterstützung. „Dass ausgerechnet Fußball für diese Menschen einen so großen Unterschied machen würde, hätte ich nicht gedacht“, sagt sie. Einen Moment lang scheint sie in Gedanken versunken, blickt in die Ferne, während vor ihr das Leben tobt.

Ein wenig gebückt steht sie da. Vor sieben Jahren kam der Krebs, Dickdarm, fortgeschrittenes Stadium. Monaten im Krankenhaus folgten viele weitere im Rollstuhl, das Piepen der medizinischen Maschinen ist nie ganz aus ihren Ohren verschwunden. Nur langsam kehrte die Kraft zurück. Und mit ihr der Blick für die Dinge, die darauf warten, dass sie jemand verbessert.

Sie hatte unzählige alte, einsame Frauen getroffen, die sich kaum bewegen konnten und noch nie in ihrem Leben Sport betrieben hatten. „Das betrifft nicht nur die Kranken“, sagt Mama Beka, „unsere Kultur sieht vor, dass Frauen zu Hause bleiben sollen, um für die Familie da zu sein.“ Manchmal scheint es, als ob hier im Norden Südafrikas die Zeit vor vielen Jahren stehengeblieben ist.

Die Eigeninitiative aber ruhte nie. Mama Beka gründete nach ihrer Genesung vor vier Jahren eine Sportgruppe für Seniorinnen im Township Nkowankowa, drei Stunden Autofahrt von Avon entfernt. Ein bisschen leichte Gymnastik war die Idee, doch eines Tages machten sie ihre Übungen auf einem Fußballfeld. „Ich habe gesagt: Lass’ uns Fußball spielen. Ein Scherz, aber die Frauen haben gerufen: Ja, lass’ es uns versuchen. Irgendwann wollten sie dann nichts anderes mehr. Sie trainieren zweimal pro Woche.“ Das Team Vakhegula Vakhegula FC (übersetzt: Großmütter Großmütter) war geboren, in Anlehnung an den Namen der südafrikanischen Nationalmannschaft: Bafana Bafana (Die Jungs).

Während der WM 2010 wurde das Vakhegula-Team berühmt. Das Staatsfernsehen berichtete, Tausende Südafrikaner fühlten sich inspiriert und plötzlich zahlte ein Sponsor für Ausrüstung und einen Flug zu einem Turnier in die USA.

Mama Beka lächelt. Schwach, aber sie lächelt. Der Krebs ist vor ein paar Monaten zurückgekommen, in sieben Tagen beginnt ihre Chemotherapie. Sie solle sich schonen, hatte der Arzt gesagt. Aber wie könnte sie? Jetzt? Bei dieser Begeisterung? Nein.

Die Frauen, die ein paar Meter weiter die Erde aufwirbeln, sind eines von rund einem Dutzend Teams, die im Nirgendwo Südafrikas nach dem Vorbild der Vakhegula-Omas entstanden sind. Im Juni haben sie einen Fernseh-Beitrag über das Team aus dem Township gesehen und prompt ihren eigenen Verein gegründet. Ein Beleg dafür, dass Fußballprojekte auch lange nach Ende des Turniers und dem Abzug der Fifa-Marketingapparats Bestand haben werden.

Die Männer hier auf dem Land lachten noch mehr als die im Township, winkten verächtlich ab. Die Großmütter aber spielten weiter, unbeirrt.

„Sie leben in der ländlichsten Gegend, da sind die Hürden noch höher. Ich hätte mir das alles vor ein paar Monaten nicht träumen lassen“, sagt Mama Beka, die Geld für Trikots und Bälle sammelt. Sie gehört zu jenen besonderen Menschen, die ihre Kraft aus der Freude ziehen können, die sie anderen bereitet.

„Rhoo“ ist eine, die Mama Beka Kraft gibt. „Rhoo“ heißt eigentlich Maria Mailula. Doch seit die kleine, etwas rundliche 80-Jährige das erste Mal dem Ball so ausdauernd hinterher eilte wie der ehemalige Fußballstar Lucas Radebe, hat sie sich den gleichen Spitznamen verdient. „Rhoo“ ist die Herrscherin über die Abwehr – abgeleitet vom englischen „rule“ (bestimmen).

Unermüdlich läuft sie, begleitet vom Soundtrack des Fußballs: „Pass’ doch endlich!“ rufen die Zuschauer. „Schieß!“ „Foul!“ Mama Beka hat ihr neue Schienbeinschoner besorgt, was etwas lustig aussieht, denn an den Füßen trägt Rhoo aufgerissene Straßenschuhe – die Sohle ist nur noch ein paar Millimeter dick. 100 Rand (gut zehn Euro) würden Fußballschuhe kosten, aber das gleicht angesichts ihrer Monatsrente von 1080 Rand (114 Euro) einem Vermögen.

Der schwarze, verwaschene Faltenrock weht um die kurzen Beine. Immer wieder hat Trainer Solomon Makgamatha versucht, sie davon zu überzeugen, dass beim Fußballspielen das Tragen einer Shorts von Vorteil sein kann. Vergeblich, so schnell lässt sich Tradition dann doch nicht brechen. Nur fünf von 21 Spielerinnen der neu formierten Mannschaft tragen Hosen.

Doch die vergangenen Monate haben viel verändert. Ewig scheinen die Zeiten zurückzuliegen, als der Rücken von „Rhoo“ schmerzte. Immer schwerer war es ihr gefallen, den 25-Liter-Plastikbottich mit der Schubkarre von dem zentralen Wassertank nach Hause zu ziehen – fließendes Wasser haben hier noch immer nur wenige.

Langsam senkt sich die Sonne. Auf dem Fußballfeld aber laufen die stolzen Spielerinnen des Blackburn Avon Grannies FC weiter dem Ball hinterher. Mama Beka hat eine Mädchenmannschaft als Gegner organisiert, die jungen Frauen treten in voller Fußballmontur an. Keiner weiß so genau, ob es 0:6 oder 0:7 steht. Doch darum geht es auch nicht.

Zwei Stunden lang besteht die komplexe Realität in Avon aus nichts anderem als diesen paar Metern zwischen den verrosteten Torpfosten. Die Zuschauer bejubeln einen Pass von Rhoo auf Molomo Damaris, sie rufen „Fiiiish“ – die 60-Jährige Mitspielerin, die seit den ersten Trainingseinheiten nicht mehr unter ihrem chronischen Bluthochdruck leidet, hat den Namen des ehemaligen südafrikanischen Abwehrstars Mark Fish als Spitzname bekommen. Vergilbte Poster von ihm hängen schon seit Jahren in ihrem Wohnzimmer.

Kurz darauf schießt die 52-jährige Maphepha Maphepha aufs Tor. Heute ist sie „Maradona“ – die torgefährlichste Spielerin des Teams, ungeachtet der Tatsache, dass der Ball nur ein paar Meter weit kullert. Weit weg scheint der Alltag, in dem sie auf der Straße Süßigkeiten verkauft und fünf Kinder ihrer an Aids verstorbenen Schwester betreut.

Die Sonne ist weg, Abpfiff. Langsam gehen die Frauen nach Hause, noch immer liegt aufgeregtes Stimmengewirr in der Luft. Rhoo lädt für den nächsten Morgen zum Tee ein. Dann steht kein Fußballtraining an, und sie will ihr Leben als Maria Mailula zeigen – die ehemalige Farmarbeiterin.

Der folgende Tag präsentiert ein Dorf, das wie in Zeitlupe lebt.  Langsam ziehen Esel Holzkarren über die rote Erde, liefern 100-Liter-Wasserkanister zu den winzigen Häusern. Selbst die Autos schleichen, schließlich ist keine der Straßen geteert. Ein Ort, dessen 5000 Bewohner still erdulden, dass der beachtliche Fortschritt des Landes an ihnen vorbei gezogen ist.

Erst in Mailulas Haus mit dem Wellblechdach wird vollends deutlich, was die späte Fußballkarriere für die Frauen hat. Sie hat das Leben gelebt, das von ihr erwartet wurde. Seit ihrem 16. Lebensjahr arbeitete sie für weiße Farmer. Stoisch ertrug sie die Gesetze der Apartheid – die Umsiedlung nach Avon 1979, die Demütigungen des Regimes. Noch heute verlässt sie das Haus nie ohne ihren Pass. Wer ihn vergessen hatte, konnte früher jederzeit verhaftet werden.

Verbitterung? Nein. „Mein Leben ist glücklich, ohne Streit. Ich versuche, meinen Alltag gemäß Gottes Regeln zu führen.“ So, wie es die Kirche nun einmal vorgibt. In jedem ihrer drei Zimmer hängt ein gerahmtes Portraitfoto von Barnabas Lekganyane, dem mächtigen Führer der Zion Christian Church (ZCC). Sie ist mit rund vier Millionen Anhängern die größte Kirche in Südafrika, eine Verbindung aus Christentum und afrikanischer Kultur. Gepredigt wird Disziplin. Und Loyalität zur Kirche: Viele Anhänger geben einen beträchtlichen Anteil ihrer Einnahmen der Kirche. Mailula hat Tee aufgegossen, den sie von der ZCC erworben hatte. Das Symbol der Kirche – ein David-Stern auf grünem Stoff – nimmt sie nur zum Schlafen von ihrer Bluse ab. Und zum Fußballspielen.

Der Tag vergeht mit wunderbarer Ruhe. „Maradona“ und „Fiiiish“ kommen hinzu, sie setzen sich auf die Plastikstühle mit dem Blümchenmuster. Meist schweigen sie – die Menschen in Avon kennen sich. Manchmal reicht es einfach, da zu sein.

Heute aber gibt es Gesprächsstoff: Mama Beka und ihr Mann Timothy haben Anträge bei der Regierung eingereicht, eine Nationalmannschaft der Fußball-Omas zu gründen. Rhoo gefällt die Idee. „Ich würde gerne einmal reisen. Zum ersten Mal“, sagt Rhoo. Maradona fügt hinzu: „Seit ich Fußballspiele, habe ich wieder Träume. Das erste Team von Mama Beka ist in die USA geflogen. Ich habe Angst vorm Fliegen, aber ich würde trotzdem gerne mitmachen.“ Mama Beka sei eine gute Frau, sagt sie, eine sehr gute Frau. Und die anderen nicken.

Die Mutter Teresa von Limpopo wohnt nur ein paar Straßen weiter, sie hat das Haus den ganzen Tag nicht verlassen. Am Abend hat sie noch einmal Kraft für ein paar Minuten Gespräch. Sie sitzt auf dem Bett, daneben steht eine Kommode, die ihr Insassen eines nahe gelegenen Gefängnisses geschreinert haben. Aus Dankbarkeit –  Mama Beka war über Jahre hinweg für viele die einzige Besucherin.

Zuletzt aber hat sie sich auf die Fußball-Omas konzentriert. „Diese Frauen haben so viel Energie“, sagt Mama Beka. Sie würde gerne einen kleinen Bus für sie kaufen, ein wenig Geld von der Regierung für die Ausrüstung bekommen. Und weitere Reisen: „Die Vakhegula-Frauen sind in den USA regelrecht aufgeblüht.“ Die Suche nach neuem Geld wird schwer, das ist allen klar.

Aber sie hat Hoffnung, auch dank der WM. Natürlich vermochte das Turnier die Probleme Südafrikas nicht in dem Maße lindern, wie es der Weltfußballverband ausdauernd behauptete. Aber sie zeigte der Welt nicht zuletzt private Initiativen wie die ihre. Beweise dafür, dass das Klischee vom Fußball, der ein Leben in Wohlstand ermöglicht, von einer viel wirkungsmächtigeren Idee abgelöst worden ist.

Wo eine Regierung damit überfordert ist, sich um die sozialen Belange ihrer Schwachen zu kümmern, ist es unter anderem der Fußball, der diese Lücke füllt. Tausende Menschen aus Südafrika und der ganzen Welt haben im Umfeld des Turniers versucht, seine Kraft für die Schaffung besserer Lebensumstände zu nutzen. Oft mit Erfolg.

So wie Mama Beka. Im Arm hält sie ihre schlafende Tochter, 15 Monate alt. Refilwe heißt das Mädchen, was so viel heißt wie: „Wir wurden beschenkt.“ Sie hatte nach ihrer Krebserkrankung nicht mehr mit einer Schwangerschaft gerechnet. Schon allein wegen ihr lässt sie keine düsteren Gedanken zu.

Noch sieben Mal schlafen bis zur ersten Behandlung. Den Fußball-Omas hat sie von ihrer Chemotherapie nichts gesagt. „Sie sollen mich nicht im Krankenhaus besuchen. Ich möchte nicht, dass sie ihre Zeit mit Mitleid für mich verbringen.“ Sie sagt das mit großer Selbstverständlichkeit. Dann lächelt Mama Beka wieder: „Mir ist es lieber, wenn sie Fußball spielen.“

Ihr Mann Timothy hatte ein paar Stunden zuvor erzählt, dass sie nach Tagen mit den Fußballomas ein besonderes Leuchten in ihren Augen habe. Er hatte recht. 

Erschienen in Misereor Jahresmagazin 2011