04.06.2018

Einst nicht weiß genug, jetzt nicht schwarz genug

Im Verteilungskampf zwischen Schwarzen und Weißen werden die gemischtfarbigen Südafrikaner seit jeher an den Rand gedrängt

Auf der Straße vor der Noordgesig Grundschule in Soweto sind noch die verkohlten Reste eines verbrannten Autoreifens zu erkennen. Spuren der Proteste von Eltern und Aktivisten im Dezember, als die Schule sogar für einige Tage geschlossen werden musste. Der Grund für die Aufregung: die Berufung eines neuen Schuldirektors. Einem Schwarzen.

Die Noordgesig-Siedlung liegt am Rande von Südafrikas größtem Township Soweto, besteht aber überwiegend aus „Coloureds“. So wurden im Zuge der Rassentrennung all jene klassifiziert, die nicht eindeutig weiß, schwarz oder indisch-stämmig waren. Dutzende ethnische Gruppen wurden unter dem Begriff zusammengefasst, Nachfahren asiatischer Sklaven und der südafrikanischen Ureinwohner San und Khoi Khoi etwa. Oder die Kinder, die aus illegalen Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen hervorgingen. Heute machen die Coloureds neun Prozent der Bevölkerung aus – so viel wie die Weißen.

Es ist die Bevölkerungsgruppe, die sich als Außenseiter des alten und des neuen Südafrikas fühlt. Während der Apartheid nicht weiß und nun nicht schwarz genug. Im Befreiungskampf litten sie unter ähnlich großen Diskriminierungen wie die Schwarzen – keine Wahlrechte, Ausschluss aus vielen Berufszweigen, wenig Bildungsmöglichkeiten. Sie bekämpften, besonders am Westkap, die Apartheid mit ähnlich großen Opfern, werden nun jedoch weitgehend ignoriert. Das 26-seitige Strategiepapier der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) für seine Nationale Konferenz 2017 erwähnte die Coloureds nur flüchtig an zwei Stellen. Seitenlang geht es um die Folgen des Kolonialismus für die Schwarzen – zu denen der Sklaverei, Familiengeschichte Tausender Coloureds, findet sich dagegen kein Wort.

Die Frustration ist nirgends so spürbar wie in Noordgesig, wohin schon während der 1930er Jahren verarmte Gemischtfarbige aus Johannesburg zwangsumgesiedelt wurden. Rosy Harrison sitzt in ihrem kleinen Steinhaus und legt einen gewaltigen Aktenordner auf den Tisch – ihr Schriftwechsel mit den Behörden. Sie gehört der Aktivistengruppe „Patriotic Association of South Africa“ (Pasa) an. Die Organisation war in den vergangenen Monaten auch an ähnlichen Protesten an anderen Coloured-Schulen in Soweto beteiligt, wo den gewünschten Kandidaten vermeintlich ebenfalls schwarze Lehrkräfte vorgezogen worden waren. „Die Provinzregierung hat uns Rassismus vorgeworfen“, sagt Harrison, „aber das hat nichts mit Rassismus zu tun.“

Vor der Berufung des Direktors habe eine erfahrene gemischtfarbige Lehrerin die Schule zwei Jahre lang „vorzüglich“ geleitet, erzählt Harrison, deren Kind ebenfalls auf die Schule geht. Bei der Zusammenstellung des aus Eltern und Lehrern bestehenden Aufsichtsrats der Schule, der anstelle der Frau den schwarzen Schulleiter den Behörden vorschlug, habe es Unregelmäßigkeiten gegeben. „Wir wollen nur, dass die Abläufe korrekt eingehalten werden.“

Doch in einem Brief an das Bildungsministerium der zuständigen Gauteng-Provinz wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der unliebsame Schulleiter „ein Bantu“ sei – ein Schwarzer. Pasa wirft Regierung und Lehrergewerkschaften vor, in den wenigen afrikaanssprachigen staatlichen Schulen der Provinz Englisch einführen zu wollen und Führungspositionen entsprechend zu besetzen. In Eldorado Park, einer anderen, ehemals für Coloureds angelegten Siedlung am Rande Sowetos, wurde Englisch bereits als gleichberechtigte Sprache eingeführt, was weniger Afrikaans-Inhalte zur Folge hat. „Das ist wie ein langsamer Mord an unserer Identität“, sagt ein Vater, „die meisten von uns sprechen Afrikaans und wollen unsere Kinder auf eine Afrikaans-Schule schicken.“

An der Noordgesig-Grundschule war nie die Rede von einem Sprachwechsel. Die Regierung hat den Schulleiter im Januar vorläufig installiert, der Unterricht läuft. Man habe keine Verstöße bei der Berufung feststellen können, die Angelegenheit dürfe den Lehrplan nicht länger beeinträchtigen. Pasa hat Einspruch eingelegt und einen Bericht der Regierung als unzureichend zurückgewiesen. Es ist vorerst friedlich, der Konflikt aber brodelt weiter.

Dabei ist die Organisation in Noordgesig umstritten. „Zuerst war ich wegen der Probleme im Aufsichtsrat auf ihrer Seite“, sagt der in der Nachbarschaft als Wortführer anerkannte Geschäftsmann Latif Naude, „aber seit ich den Brief gesehen habe, wirkt es tatsächlich wie eine rassistische Sache auf mich.“ In seiner Nachbarschaft würden inzwischen auch viele Schwarze friedlich leben. Er will Animositäten vermeiden, das Thema ist schließlich hoch emotional. Als eine Schule in der nahe gelegenen Stadt Vereeneging gerichtlich durchsetzte, 55 englische Muttersprachler ablehnen zu dürfen, warfen schwarze Aktivisten einen Molotov-Cocktail auf einen Polizeiwagen. Die Einsatzkräfte vertrieben die Menge mit Blendgranaten und Gummigeschossen.

Spannungen gab es in den vergangenen Jahren nicht nur an den Schulen. Die Bürgerrechtsgruppe „Camissa Movement for Equality“ brachte im Jahr 2017 vor dem UN Menschenrechtsrat (UNHCR) einen Antrag ein, die „systematische Diskriminierung gegen Coloureds“ anzuerkennen. Ihre Firmen würden bei der Vergabe von Regierungsaufträgen meistens übergangen, auch die Infrastruktur werde in ihren Gegenden vernachlässigt.

In den „Black Economic Empowerment“-Gesetzen, die zu Apartheid-Zeiten benachteiligten Bürgern nun wirtschaftliche Vorteile bei der Vergabe von Regierungsaufträgen sichert, sind Coloureds und Bürger mit indischen Wurzeln offiziell mit Schwarzen gleichgestellt. Doch im Jahr 2017 beantragte die ANC-Führung der KwaZulu-Natal-Provinz, dass bei öffentlichen Aufträgen von über 50 Millionen Rand (3,38 Millionen Euro) nur noch Unternehmen von Schwarzen berücksichtigt werden.

Auf nationaler Ebene lehnte der ANC das ab. Bei der Vergabe von Verwaltungsposten versucht die Partei dagegen zu tricksen. Vor einigen Jahren präsentierte sie den Vorschlag, öffentliche Posten am Westkap gemäß der nationalen Demographie zu vergeben. Das hätte bedeutet, dass in der wirtschaftlich starken Provinz, wo knapp die Hälfte der Bevölkerung gemischtfarbig ist, nur acht Prozent der Jobs an diese Gruppe vergeben werden. Der ehemalige Finanzminister Trevor Manuel, ein Coloured, brandmarkte den Vorstoß als „schlimmsten Rassismus“, der ihn an die Mechanismen der Apartheid erinnere.

Auch dieser Vorstoß wurde zurückgezogen. Vereinzelt wird das Prinzip aber dennoch angewendet, beim Gefängnispersonal der Westkap-Provinz zum Beispiel. Oder im Jahr 2013 kurzzeitig in der Gemeinde „Nelson Mandela Bay“, zu der die Küstenstadt Port Elizabeth gehört. Dort sank das Beschäftigungsziel für Coloureds entsprechend von 23 auf 13 Prozent der Arbeitsplätze.

Nicht zuletzt auf kultureller Ebene ist die Stimme der übersehenen Gruppe immer deutlicher zu hören. Im Kapstädter „Zeitz-Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst“ (Mocaa) stellt Thania Petersen ihre Fotos vor, auf denen sie die Entwurzelung der Coloureds thematisiert – und damit auch ihre eigene. „Ich mag den Begriff Coloured nicht. Die Apartheid hat alles, was nicht Schwarz, Weiß, oder Indisch war, in eine Schublade gesteckt und uns so systematisch unserer Traditionen beraubt“, sagt die 38-Jährige, „das sollte uns schwächen.“

Petersen, deren Vorfahren aus Indonesien stammen, spricht ausführlich über die anhaltenden Probleme ihrer Bevölkerungsgruppe. Hunderttausende leben in den Cape Flats, der Gegend mit der höchsten Mordrate Südafrikas, Arbeitslosigkeit und Drogenkonsum sind enorm. „Besonders dort fehlt oft das Gefühl der Wertschätzung, die Gewissheit dazuzugehören“, sagt die Künstlerin, „wir müssen uns unsere spezifische Geschichte neu erschließen, das ist die Voraussetzung für die Zukunft.“

Vor einigen Jahren wäre ihre Kunst wohl noch verhallt. Nun aber trifft sie den Zeitgeist. Nicht nur die Zahl der Aktivisten, sondern auch der gemischtfarbigen Künstler, die sich mit der eigenen Identität beschäftigen, nimmt zu. Neben dem Mocaa stellt zum Beispiel die renommierte Südafrikanische Nationalgalerie verstärkt zu dem Thema aus. Auch auf Blogs und Facebook-Seiten folgen Zehntausende Debatten, die sich mit der Identität der Coloureds auseinandersetzen.

Das macht Petersen Hoffnung. „Die neue Generation stellt die richtigen Fragen“, sagt sie. Erst wenn alle Volksgruppen Antworten gefunden hätten, könne die nächste, die zukunftsentscheidende Frage gestellt werden. „Was bedeutet es, südafrikanisch zu sein?“