04.06.2018

Eine Stadt auf dem Trockenen

Als erster modernen Metropole weltweit droht Kapstadt nach drei Jahren Dürre das Trinkwasser auszugehen. Die Krise offenbart die Kluft zwischen Arm und Reich deutlich wie nie

Es ist morgens um elf, und Eric Mbalane hat bereits eine halbe Tonne Wasser geschleppt. Das T-Shirt klebt am hageren Körper, das Gesicht wirkt müde. Zwölf Stunden arbeitet er pro Tag. Doch der 31-Jährige wischt sich in der prallen Sonne den Schweiß von der Stirn und sagt nur: „Ich freue mich, dass ich helfen kann.“

Tausende Kapstädter stellen sich an der Quelle eines Getränkeherstellers jeden Tag für Wasser an, in der Mittagshitze sind es rund 80. Der Gelegenheitsarbeiter hilft den Gebrechlichen unter ihnen beim Tragen des Wassers zum Auto. Einige haben Körbe mit leeren Flaschen dabei, andere große Kanister. Eine Viertelstunde dauert es, bis sie, von Sicherheitspersonal beobachtet, maximal 25 Liter abzapfen dürfen. Wer mehr will, muss sich wieder hinten anstellen.

Mbalane sieht sich als „einen Kämpfer gegen Day Zero“, wie er sagt, auch wenn die umgerechnet 15 Euro Trinkgeld am Tag nur für das Nötigste reichen. In apokalyptischem Duktus hat die Stadt nach drei Jahren verheerender Dürre „Tag Null“ als das Datum ausgerufen, an dem die meisten Wasserhähne Stadt abgeklemmt werden. Aktuell ist dafür, basierend auf derzeitigem Verbrauch und Regenfällen, der 11. Mai berechnet. Dann werden die Dämme nur noch zu 13,5 Prozent gefüllt sein, an 180 Ausgabestellen müsste die Mehrheit der knapp vier Millionen Einwohner dann für 25-Liter-Rationen anstehen – ein weltweit einmaliges Szenario für eine moderne Großstadt. Ein logistischer Alptraum noch dazu.

Schon jetzt gelten strenge Restriktionen, maximal dürfen 50 Liter pro Person und Tag verbraucht werden – etwas mehr als ein Drittel des deutschen Durchschnittsverbrauchs. In einigen Gegenden hat die Stadt den Wasserdruck so weit reduziert, dass viele Haushalte schon jetzt kein Wasser mehr haben. Notorische Großverbraucher bekommen Strafen von bis zu 400 Euro aufgebrummt und werden zum Einbau von Geräten gezwungen, mit denen die Wasserzufuhr nach Überschreiten des Limits abgeklemmt wird. Noch besteht Hoffnung, dass sich die Stadt bis zum Beginn der Regenzeit im Juni retten kann. Helen Zille, die Premierministerin des Westkaps, bezifferte diese Chance Ende Januar aber nur auf 40 Prozent. Es drohe die „schwierigste urbane Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkrieges“.

Angesichts eingeschränkten Verbrauchs durch die Landwirtschaft dürfte die Prognose inzwischen etwas positiver ausfallen. Doch sollte es dazu kommen, bekäme die Dürre in Kapstadt endgültig internationale Relevanz. Rom war im vergangenen Sommer zu Wasserrestriktionen gezwungen, in Mexico City haben viele Bürger nur zu bestimmten Tageszeiten Leitungswasser. Jakarta verbraucht in erschreckender Geschwindigkeit sein Grundwasser. In Melbourne könnte, wie schon um die Jahrtausendwende, das Wasser bald wieder knapp werden.

Im Jahr 2015 blieben der brasilianischen Großstadt Sao Paolo Wasservorräte für weniger als 20 Tage. LKWs mit Wasser wurden geplündert, in vielen Häusern war die Versorgung auf wenige Stunden täglich begrenzt. Im letzten Moment verhinderten Regenfälle die Situation, die nun Kapstadt droht.

Dort glauben viele Bürger noch immer nicht, dass es dazu kommen wird. ‚Day Zero’ sei eine Einschüchterungstaktik, um die Menschen zum Wassersparen zu bewegen, sagt ein Gasthausbesitzer. Generelles Misstrauen gegenüber jeder Form von Regierung ist in Südafrika weit verbreitet, auch auf Provinzebene. Nur mit Mühe gelingt es der am Kap regierenden Demokratischen Allianz, den Ernst der Lage zu vermitteln. Noch Mitte Januar hielt sich nicht einmal jeder Zweite an das damals geltende Limit von 87 Litern pro Tag.

In einem Hinterhof der renommierten „University of Cape Town“ (UCT) spricht der Hydrologe Piotr Wolski bei einer Tasse Filterkaffee mit sanfter Stimme über harte Wahrheiten. Bis vor wenigen Wochen hatte die Stadt die Berechnungsmethode für „Day Zero“ unter Verschluss gehalten, was zu Verschwörungstheorien beitrug. Doch Wolski kommt mit seinen Berechnungen fast auf den gleichen Stichtag wie die Stadt. „Nur wenn wir radikal Wasser sparen, haben wir eine Chance, bis zur Regenzeit irgendwie durchzugleiten“, sagt er. Wolski hat lange im notorisch trockenen Botswana gelebt. Er verbraucht maximal 25 Liter am Tag.

Statistisch ereignet sich am Kap eine derart langanhaltende Dürre alle 311 Jahre. Die Gegend ist ähnlich trocken wie der Süden Kaliforniens, der regelmäßig mit Dürren zu kämpfen hat, nicht weit von der Oase Kapstadt schließt sich die Halbwüstenlandschaft der Karoo an. Der für seine grüne Vegetation bekannte Küstenort profitiert vom seinem ikonischen Tafelberg, an dem sich die Wolken des Ozeans sammeln und besonders zwischen Juni und September zu heftigen Regenfällen entladen. Darauf war bislang Verlass, die Versorgung basiert deshalb fast ausschließlich auf sechs vom Regen abhängigen Dämmen.

Wolski hat historische Wetteraufzeichnungen analysiert und Daten über schwere Dürren in den 1920er und 1970er Jahren gefunden. „Die Temperatur ist in den vergangenen 100 Jahren gestiegen, die Regenfälle haben, wenn auch weniger signifikant, abgenommen“, sagt er. Mit anderen Worten: Trockene Jahre werden trockener, die nassen Jahre weniger nass.

Das verschärft die Intensität von Dürren. Das Risiko längerer Trockenperioden hat sich mindestens verdoppelt, je nach Berechnungsform sei sogar ein 15fach höheres Risiko möglich, sagt Wolski. Die Entwicklung entspreche Erkenntnissen in anderen Teilen der Welt, denen zufolge der Klimawandel zu extremeren Wetterausschlägen führt.

Ganz neu ist diese Erkenntnis freilich nicht. Schon im Jahr 2007 warnte Südafrikas Wasserministerium, dass sich die Stadt nicht länger alleine auf ihre von Regenfällen abhängigen Dämme verlassen könne, sondern vermehrt in die Förderung von Grundwasser und Entsalzungsanlagen investieren müsse. Viele der entsprechenden Investitionen müssen auf nationaler Ebene genehmigt werden – für entsprechende Projekte waren jedoch erst ab dem Jahr 2020 im größeren Stil Budgets freigegeben. Und in Kapstadt nutzte man vorhandene Mittel lieber für andere dringend benötigte Projekte, wie den Ausbau der Elektrizität und Unterkünften in den rasant wachsenden Armenvierteln.

Schließlich waren die Dämme im Jahr 2014 nach guten Regenfällen noch prall gefüllt. Die Stadt ließ sich dafür feiern, dass sie trotz 30 Prozent mehr Einwohnern seit dem Jahr 2000 die Kapazitäten nicht erweitern musste, weil sie die vorhandenen Mittel effektiver nutzte. Reparierte Leitungen, die Installation Tausender Wasserzähler und erhöhte Tarife sorgten für einen geringeren Pro-Kopf-Verbrauch. Die „C40“, eine Vereinigung von Städten, zeichnete Kapstadt mit einem Preis für gelungene Anpassung an den Klimawandel aus.

Das gab bis zuletzt überhöhtes Selbstvertrauen. Wolski gesteht den Verantwortlichen zu, dass die Herausforderung wohl für jede Administration der Welt gewaltig wäre. „Bei der Kalkulation des Worst Case Szenarios werden die letzten 50, maximal 100 Jahre berücksichtigt“, sagt er, „das deckt zwei Jahre Dürre ab. Drei Jahre Dürre passieren in dieser Ausprägung nur alle 300 Jahre.“

Allerdings habe man Anfang 2017 lieber auf Glück als Notmaßnahmen gesetzt. Damals waren sich die Meteorologen uneins, wie nass die Regenzeit Mitte des Jahres wohl werden würde. Die Stadt verließ sich auf Experten, die überdurchschnittlich viel Regen prognostizierten. Wolski und sein Team saßen in Beratungen mit der Stadt, verzichteten aber auf eine Vorhersage. Die Erfahrung zeige, dass so weit in die Zukunft keine verlässlichen Prognosen möglich seien, ließen sie die Stadtmanager wissen. Es folgte eines der trockensten Jahre überhaupt.

Die Stadt habe noch im August 2017, kurz vor Einführung des 87-Liter-Limits, vermeldet, dass man trotz aller Notwendigkeit zum Wassersparen die Situation unter Kontrolle habe. Es werde nicht zu einer Einschränkung der Wasserversorgung kommen. „Kurz darauf musste die Rhetorik dramatisch verändert werden“, sagt Wolski, „das sorgt nicht gerade für Vertrauen.“

Die meisten Kapstädter arrangieren sich mit dem notwendigen Ernst, aber ohne Panik mit der Dürre. Auch Touristenverbände weisen zurecht darauf hin, dass es keinen Grund gibt, auf eine Reise in die zuletzt immer populärere Metropole zu verzichten, so lange die Restriktionen auch von den Besuchern eingehalten werden. Ausbleibende Einnahmen aus diesem Sektor würden Arbeitsplätze und städtische Einnahmen für dringend benötigte Infrastrukturmaßnahmen zerstören.

Doch an der Newlands-Quelle berichten sieben von 13 Befragten, dass sie mindestens 50 Liter Trinkwasser gehortet haben. Insgesamt ist die Atmosphäre entspannt, die Menschen tauschen beim Anstehen Tipps zum Wassersparen aus, allerdings erzählt das Sicherheitspersonal von vereinzelten Aggressionen der Anstehenden. Fünf-Liter-Kanister mit Wasser sind derzeit in allen vier Supermärkten des Vororts Hout Bay ausverkauft. Das gilt für fast alle Supermärkte, für die nächsten Lieferungen gibt es lange Wartelisten. ‚Day Zero’ ist, sollte es überhaupt dazu kommen, noch drei Monate entfernt, doch die Stadt erlebt bereits Hamsterkäufe.

An einem einsamen Küstenabschnitt am Rande von Kapstadt versucht sich die für Wasser zuständige Stadträtin Xanthea Limberg an einem Balance-Akt. Sie stellt vor zahlreichen Kameras einige der Projekte vor, mit denen noch im Februar 200 Millionen zusätzliche Liter täglich in das Trinkwassernetz eingespeist werden sollen. Die zierliche Frau muss Zuversicht wecken, aber nur exakt so viel, dass die Menschen nicht mit dem Wassersparen nachlassen.

Hinter ihr verlegen Arbeiter Leitungen ins Meer. Die beauftragte Firma installiert die Anlage binnen weniger Wochen, dafür ist das Wasser aber auch mit über zwei Euro pro Tausend Liter um ein Vielfaches teurer als andere Förderoptionen. „Wir tun alles, um ‚Day Zero’ zu vermeiden“, sagt Limberg. Bei vielen Investitionen bewegen sich Stadt und Provinzregierung derzeit im Graubereich. Eigentlich wäre in vielen Fällen die nationale Regierung zuständig, doch für das notwendige Geschacher bleibt keine Zeit. In acht der neun Provinzen regiert der Afrikanische Nationalkongress (ANC). Am Westkap hat dagegen die aufstrebende Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) das Sagen – entsprechend leidet bisweilen die Kommunikation.

Die Notmaßnahmen sind tückisch. Eine Entsalzungsanlage liegt weit hinter dem Zeitplan zurück, weil die Anwohner einer Armensiedlung einen größeren Beschäftigungsanteil bei den Bauarbeiten fordern. Und der Chef eines Bohrunternehmens erzählt, dass er anstelle von einem Bohrloch fünf am Tag fertigstellen könnte, die Stadt besorge aber die entsprechenden Genehmigungen nicht schnell genug.

Alles hänge letztlich von einem Faktor ab, sagt Limberg: „Wir können ‚Day Zero’ nur vermeiden, wenn wir genug Wasser sparen.“ Derzeit beträgt der Verbrauch rund 550 Millionen Liter am Tag, das Ziel sind 450 Millionen. Die Lage rechtfertig auch ein wenig Denunziantentum. Wurden im vergangenen Jahr nur die Straßen mit dem höchsten Verbrauch veröffentlicht, so lässt sich über eine Webseite inzwischen bequem für jedes einzelne Grundstück nachverfolgen, ob die Verbrauchsvorgabe eingehalten wird. Mein Nachbar, der Verschwender.

Die Krise offenbart immer wieder auch die sozialen Kontraste der Stadt, in der die Einkommensunterschiede so ausgeprägt sind wie an kaum einem anderen Ort weltweit. So mancher Großverdiener lässt für umgerechnet 2000 Euro mit Wasser beladene LKWs aus Gegenden Südafrikas ankarren, die nicht von der Dürre betroffen sind – um den Pool aufzufüllen.

Wer es sich leisten kann, lässt mit einem Bohrloch auf seinem Grundstück das Grundwasser anzapfen. Oder versucht sich mit Regentanks von der Wasserversorgung der Stadt langfristig so unabhängig wie möglich zu machen. Beim größten Anbieter des Landes, „Jojo Tanks“, hat sich die Nachfrage seit Oktober 2016 verzehnfacht. Man komme mit der Produktion kaum nach, teilt die Firma mit.

Derartige Maßnahmen sind teuer und vor allem in den Townships unerschwinglich. In den Armenvierteln leben rund 40 Prozent der Bewohner Kapstadt, die Verwaltung hat angekündigt, dass sie immerhin hier – wie auch in Krankenhäusern und Schulen – das Wasser nicht abdrehen wird. Eine sinnvolle Maßnahme, schließlich sind die meisten hier schon jetzt auf Gemeinschaftswasserhähne angewiesen.

An einem Dienstagvormittag geht Christine Mofomme die 80 Meter von ihrer Hütte zum nächsten Wasserhahn in Imizamo Yethu, einem eng besiedelten Slum mit rund 30.000 Einwohnern. Zwei andere Frauen stehen an, im Becken verrotten Essensreste. Hier wird gespült, gewaschen und Wasser für die Familie abgeholt.

Mofomme ist sauer. Die Altenpflegerin hat auf Facebook gesehen, wie sich viele über informelle Autowäscher in den Townships aufregen. Sie würden unverdrossen weiter Leitungswasser zum Reinigen der Taxis verwenden, was längst illegal ist. In einem mehrere Hundert Mal geteilten Beitrag heißt es, in den Townships werde kein Wasser gespart – schließlich werde es dort kostenlos zur Verfügung gestellt.

„Das ist nicht fair, wir verbrauchen viel weniger als die Weißen in ihren riesigen Häusern und Gärten“, sagt Mofomme. Sie spottet über das Gejammer der Mittelschicht, mit 50 Litern auskommen zu müssen: „Ich habe da wenig Mitleid.“ Die 23-Jährige lebt alleine. Alle zwei Tage füllt sie ihren 20-Liter-Kanister auf – mehr verbraucht sie nicht.

Wer wie sie jeden Liter tragen muss, der verschwende nichts. „Wir haben hier doch jeden Tag ‚Day Zero’“, sagt die junge Frau.