04.06.2018

Drei Hühner als Ausgleich für eine Vergewaltigung

Der Kongo wird von einer der drei weltweit schlimmsten humanitären und politischen Krisen erschüttert. International findet der Konflikt kaum Beachtung. Doch die Regierung boykottierte eine Geberkonferenz und stellt nun ungewöhnliche Forderungen

Credit: Carey Wagner for CARE

Grace war auf dem Weg zum Markt. Bananen verkaufen, ein paar Euro extra für die Familie verdienen, auch wenn der Marsch in der strukturschwachen kongolesischen Kasai-Region zwei Tage lang dauerte. Sie war schwanger und deshalb besonders müde. Ausnahmsweise nahm sie eine Abkürzung durch den Busch – der schwerste Fehler ihres Lebens.

Die fünf Männer hatten Schusswaffen und zögerten nicht. Sie solle ihre Kleidung ablegen, forderten sie Grace auf. „Ich bin verheiratet, tut mir das nicht an“, flehte sie. Die Täter antworteten mit Schlägen. Durchhalten, egal wie, dachte die junge Frau während der Vergewaltigung. Sie hatte bereits drei Kinder verloren. Das Kind in ihrem Bauch sollte leben.

Als die Männer von ihr abließen, blieb sie liegen, jeglicher Energie beraubt. Wie lang, das weiß sie nicht. Irgendwann raffte sie sich doch auf, zurück ins Dorf, in den nächsten Alptraum. In der Klinik sagten sie, das Baby habe die Tortur nicht überstanden. Ihr Mann stand zu ihr, er war fürsorglich. Doch seine Familie forderte Kompensation. Schließlich hatte Grace außerehelichen Sex gehabt. Sie zahlte drei Hühner und eine Flasche Palmöl.

Schicksale wie diese, recherchiert von der Hilfsorganisation „Care International“, finden sich im Kongo Tausende. Das flächengrößte Land Subsahara-Afrikas erlebt seine schlimmste Krise seit einem Jahrzehnt: 4,5 Millionen Binnenflüchtlinge und 2,2 Millionen unterernährte Kinder, vermelden die Vereinten Nationen. Rund zehn Millionen Kongolesen seien auf humanitäre Hilfe angewiesen, das ist jeder neunte Bürger. Nach Angaben des „Norwegian Refugee Council“ (NRC) bedeutet das eine Verdoppelung seit dem Jahr 2014.

Die UN hat drei Krisenregionen in dem Land, die von einem Mix aus ethnischen Spannungen, Protesten gegen die Regierung und Verteilungskämpfen zwischen Farmern und Hirtenvölkern erschüttert werden, als Notfall der Kategorie „Level 3“ klassifiziert. Eine verklausulierte Umschreibung für die Einschätzung des Staatenbundes, dass diese international weitgehend ignorierte humanitäre Krise zu den drei schlimmsten weltweit gehört. Neben dem Kongo sind lediglich Syrien und Jemen in dieser Kategorie gelistet.

Mit anderen Worten: Die UN bewertet die Situation ernster als im Irak, dem Südsudan, den Philippinen und der Zentralafrikanischen Republik, wo der „Level 3“-Status zuletzt deaktiviert wurde. Das bedeutet in der Regel weniger Unterstützung: Für „Level 3“-Länder sieht das UN-System die Bereitstellung erheblicher zusätzlicher Kapazitäten vor.

Der Kongo hat internationale Hilfe tatsächlich dringend nötig. Im vergangenen Jahr stellten die Geberländer nicht einmal die Hälfte des veranschlagten Budgets von 813 Millionen Dollar zur Verfügung. In diesem Jahr ist der Bedarf laut UN mehr als doppelt so hoch, doch bislang sind von den 1,7 Milliarden Dollar gerade einmal zwölf Prozent finanziert. „Die internationale Gemeinschaft muss endlich aufwachen“, sagte NRC-Generalsekretär Jan Egeland.

Doch der Kongo boykottierte Mitte April eine Geberkonferenz in Genf. Das vermittelte Bild einer „umfassenden Katastrophe“ sei übertrieben, erklärte Außenminister Léonard She Okitundu. „Es ist sogar kontraproduktiv für das Image und die Attraktivität unseres Landes“, so der oberste Diplomat, „dies widerspricht dem großen Interesse der kongolesischen Bevölkerung.“

Genauer gesagt dem Interesse von Präsident Joseph Kabila. Er hätte eigentlich schon Ende des Jahres 2016 abtreten müssen, laut Verfassung ist eine dritte Amtszeit nicht möglich. Seine Regierung präsentiert aber immer neue Ausreden – mal sind es logistische, mal finanzielle –, warum noch keine Wahlen stattfinden können. Zuletzt versprach Kabila einen Termin im Dezember 2018, deutete aber bereits an, dass auch dieser verschoben werden könnte.

Die UN sind dem Kongo auf äußerst umstrittene Weise entgegengekommen. Wenige Tage nach der ersten Boykottdrohung des Kongo teilte der für die „Level 3“-Klassifizierung zuständige „Ständige interinstitutionelle Ausschuss“ mit, dass der Status am 20. April deaktiviert werde. Beobachter von Hilfsorganisationen kritisierten, dass die Entscheidung übereilt innerhalb von zwölf Stunden durchgesetzt worden sei – ohne ausreichend Bewertung von humanitären Arbeitern vor Ort einzuholen.

Das setze einen schlechten Präzedenzfall. Der Kongo ist nicht das erste Land, das die Augen angesichts seiner Probleme schließt. In Nigeria kontrollierte die Terrororganisation Boko Haram vor einigen Jahren ein Gebiet mit der Fläche Belgiens. Auch nachdem im Jahr 2016 die meisten Städte befreit wurden, litten fünf Millionen im Nordosten des Landes an Hunger. Hinter den Kulissen wehrte sich die um Investoren werbende Regierung aber vehement und schließlich erfolgreich gegen die Einstufung als „Level 3“. Um das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit zu vermeiden, nahm man in Kauf, dass so weniger internationale Hilfe mobilisiert wurde.

In Abwesenheit der kongolesischen Regierung sicherten die Geberländer in Genf immerhin 528 Millionen Dollar zu. Doch aus Kinshasa kommen nun ungewöhnliche Forderungen. Das Geld müsse an das Treuhandkonto einer neu gegründeten staatlichen Agentur gezahlt werden. Ein UN-Sprecher reagierte gegenüber der Nachrichtenagentur „Reuters“ eher reserviert. Man erwarte „weitere Klarstellungen“, bevor man den Vorgang kommentiere.

Inmitten der Krise spielt sich Kabila lieber als Wirtschaftsreformator auf, Gesetzentwürfe sehen massive Steuererhöhung für Rohstoffkonzerne vor. Unter anderem ist eine bis zu zehn Mal höhere Abgabe auf Kobalt vorgesehen, das für die Herstellung von Batterien und Elektroautos benötigt wird. Mehr als die Hälfte des weltweiten Kobalts ist in kongolesischem Boden.

Während Kabilas Netzwerk kassiert, leiden die von „Care International“ interviewten Frauen unter der Instabilität des Landes. So wie Amelie. Sie flüchtete in den Busch, als der Konflikt im Jahr 2016 in der Kasai-Region begann – ein regierungskritischer traditioneller Anführer war ermordet worden. Dort wurde auch Amelie wurde Opfer einer Vergewaltigung, sexuelle Gewalt als Kriegsmittel ist im Kongo so weit verbreitet wie in kaum einem anderen Land. Nach UN-Schätzungen wurden in den vergangenen 20 Jahren mehr als eine Millionen Frauen und Mädchen vergewaltigt.

Kultureller Irrsinn vergrößert das Martyrium weiter. Im Kongo leiden Frauen wie Amelie ihr Leben oft ihr Leben lang nicht nur unter der Vergewaltigung, sondern auch der gesellschaftlichen Stigmatisierung. So reagierte sogar ihr Vater mit wüsten Beschimpfungen. „Er sagte, ich habe seine Ehre beschmutzt“, sagte Amelie, „ihm wäre es lieber gewesen, der Mann hätte mich getötet.“