Dinner For Some
Der ehemalige Freiheitskämpfer Goldberg bittet zum 100. Geburtstag des ANC um Geduld mit der Partei. Die hat eine alte Frau im Township von Alexandra längst verloren

Sein Haus ist einfach zu erkennen, hatte Denis Goldberg am Telefon gesagt. An seiner Garage hängt gut sichtbar ein Plakat des Afrikanischen Nationalkongress (ANC). Das ist durchaus ein Alleinstellungsmerkmal im Kapstädter Stadtteil Hout Bay – von einem kleinen Townships abgesehen leben hier nur wenige Schwarze. Enge Straßen führen vom Hafen des Fischerdorfes zu Goldbergs Haus, vorbei an den Kontrasten der südafrikanischen Gesellschaft: Nur einen Steinwurf von einem Ar-menviertel der gemischtfarbigen Bevölkerung entfernt liegen die ummauerten Grundstücke des weißen Mittelstandes.
Goldberg bekommt in diesem Mikrokosmos Südafrikas einen ganz guten Eindruck über den Zustand des Landes, für das er 22 Jahre ins Gefängnis gegangen ist. Für dessen Wohl er einst seine gesicherte Existenz als weißer Südafrikaner mit Universi-tätsabschluss aufgab, um mit ANC-Führern wie Nelson Mandela im Untergrund zu kämpfen. Für dessen unterdrückte Mehrheit er die Jugend seiner Kinder versäumte.
Der 78-Jährige sitzt an seinem Wohnzimmertisch. Er trinkt Leitungswasser, vor ihm steht eine Schale mit Keksen. An den Wänden hängen afrikanische Gemälde überfüllten Bücherregalen, in denen auch deutsche Werke stehen. Ein Buch über Wuppertal, eins über Essen. Seine zweite Frau war Deutsche, er hat dort viele Freunde.
Er sieht unauffällig aus in seinem einfachen weißen T-Shirt. Langsam verab-schieden sich die Haare, aber so richtig fällt das nicht auf, denn man bleibt an den Augen hängen. Von ihnen geht ein Blick aus, der bis ins tiefste Innere vorzudringen wollen scheint. Augen, die viel gelacht und viel geweint haben im Angesicht der Jahrzehnte. Zeugen der bewegten Geschichte eines Landes, dem Goldberg sein ei-genes Schicksal untergeordnet hat. Zwei kleine Kinder, die ohne ihren Vater auf-wachsen mussten. 22 Jahre ohne die Familie. 22 Jahre für ein Ideal.
Hat es sich gelohnt? Ist das noch sein ANC? Ja, sagt er, nicht ohne Kritik elegant zu verpacken: „Es sind nicht die Worte, die Leute groß machen. Es sind ihre Taten. Damit haben wir viel erreicht, aber wir dürfen diese Maxime auch nicht vergessen.“ Goldberg verweist gerne auf die Verdienste der Partei: Den friedlichen Übergang zur Demokratie. Den Aufbau einer Struktur, die der großen Mehrheit der Südafrikaner Zugang zu Wasser, Strom, Bildung und Gesundheitseinrichtungen verschafft. Keine dieser Baustellen ist abgeschlossen, einige liegen brach. Goldberg sagt: „Es bedarf zweier Generationen, um eine wirklich funktionierende Demokratie aufzubauen.“
Er ist heute in Bloemfontein nicht dabei, wenn die Partei mit zehn Millionen Euro teurem Pomp ihren 100. Geburtstag feiert. Mit aller Macht lenkt der ANC die Auf-merksamkeit auf die Vergangenheit, sie ist für den Wählerfang besser geeignet als die Gegenwart. Damals war der ANC mehr als eine Partei – ein Treffpunkt des politi-schen und kulturellen Lebens.
Das Ziel war die Abschaffung der Apartheid. Ein gewaltiges Vorhaben, das aller-dings andere Qualitäten als die Steuerung der größten afrikanischen Volkswirtschaft bedurfte. Und das Erreichen dieses Ziels, so vermittelt es der ANC, war allein der Verdienst der Partei: Kaum ein Wort über die Gewerkschaften, Oppositionsparteien, die Zivilgesellschaft oder die Unterstützung der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung.
Dafür ist kein Platz angesichts von kontinuierlichen Stimmverlusten. Der ANC bemüht sich um die Schaffung verloren gegangener Identität und ein Bild der Ge-schlossenheit: Nelson Mandela, inzwischen 93 Jahre alt, musste aus gesundheitli-chen Gründen absagen. Doch sogar der vor drei Jahren aus dem Amt gejagte Ex-Präsident Thabo Mbeki ist in Bloemfontein, ihm ist wie elf anderen ehemaligen ANC-Führern ein Monat des Jahres gewidmet. Verkäufer bieten Medaillen und Halsketten mit dem Partei-Emblem an, die Straßen sind mit gewaltigen Flaggen geschmückt. Von einem grüßt der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro, ein langjähriger Un-terstützer des ANC.
46 Staatsoberhäupter haben ihren Besuch angekündigt, für ihren Schutz stehen die Armee und 3000 Polizisten bereit. Goldberg ist nicht eingeladen worden. „Ich weiß nicht warum, aber das macht mir auch nichts“, sagt der ehemalige Sprecher des wichtigen ANC-Büros in London. Vor fünf Jahren hatte er sich aus der Politik zu-rückgezogen, der letzte Posten war die Beratung des Wasserministeriums. Er hat ein herausragend Buch geschrieben („Der Auftrag“, Verlag: Assoziation A), engagiert sich in der Zivilgesellschaft, hat im Ausland über drei Millionen Schulbücher für Süd-afrika organisiert. Ohne ihn würde es ein beeindruckendes Musikprojekt in Hout Bay nicht geben, in dem 200 Kinder aller Hautfarben musizieren.
Von Beleidigung keine Spur: „Ich hätte ohnehin nicht 200 Euro pro Nacht zahlen können, und es wäre mir davon ganz abgesehen zu hektisch gewesen.“ Das ver-schlafene Bloemfontein hat 20.000 Betten für über 100.000 Besucher an diesem Wochenende, die Preise sind explodiert. In der Stadt organisierten sich vor einem Jahrhundert in einer Kirche einige Intellektuelle und starteten die Protestbewegung gegen die Rassentrennung, früher als jede andere Befreiungsorganisation des Kon-tinents.
Wohl keine politische Organisation genoss weltweit eine derartige Welle der Soli-darität. Keine hat mit vergleichbar hohen Erwartungen der internationalen Gemein-schaft die Regierungsverantwortung übernommen. Und nie stand der ANC derart massiv in der Kritik wie in diesen Tagen.
Goldberg hat die Geschichte der Partei während der vergangenen 60 Jahre mit-geprägt. 1964 wurde er zusammen mit Nelson Mandela beim Rivonia-Prozess für seine Aktivität im bewaffneten Widerstand zu lebenslanger Haft verurteilt – er war der einzige weiße Angeklagte. Bis zuletzt hatten sie mit der Todesstrafe gerechnet, erst am Vorabend des Urteils erfuhren die Anwälte aus diplomatischen Kreisen, dass es nicht die Maximalstrafe geben würde. „Wir waren bereit, für unsere Sache zu ster-ben“, sagt Goldberg und macht eine kurze Pause, „aber wir taumelten vor Glück, als wir hörten, dass wir leben würden.“
Er liebt das Leben, hat diese Liebe nie sterben lassen. Nicht als seine erste Frau viel zu früh einer Krankheit erlag, vor einigen Jahren auch die zweite, eine Deutsche. Er hat viel Schmerz überlebt, zu viel, als dass ihn die Rückschläge der jungen De-mokratie die Hoffnung nehmen könnten. „Zwölf Millionen Menschen mehr haben nun direkten Zugang zu fließendem Wasser“, sagt er, „sie sind nicht zu hören. Es sind die verbliebenen fünf Millionen, die ihn noch nicht bekommen haben, die laut schreien. Sie bestimmen die Wahrnehmung.“ Der ANC habe eine neue Verwaltung für 40 Mil-lionen Menschen aufbauen müssen, die alte sei vor allem auf das Wohl von fünf Mil-lionen Weißen ausgerichtet gewesen.
Doch auch ihm entgeht die aktuelle Führungskrise nicht. Präsident Jacob Zuma sorgt mehr mit privaten Skandalen und der Vergabe öffentlicher Aufträge an seinen Familienclan für Aufmerksamkeit als mit wirksamen Reformen gegen die Massenar-beitslosigkeit. Systematisch schwächt seine Administration auf dem Weg zu einer zweiten Amtszeit die Kontrollorgane der Regierung. Zuma besetzte wichtige Justiz-posten mit Vertrauten und ließ den erst viel zu spät suspendierten Volksverhetzer Julius Malema allzu lang gewähren. Zuletzt jagte der ANC ein Informationsgesetz durch das Parlament. Es wird die Pressefreiheit massiv einschränken, sollte es nicht wider Erwarten noch durch die Zweite Kammer (vergleichbar mit dem Deutschen Bundesrat) gestoppt werden.
Der ehemalige ANC-Abgeordnete Andrew Feinstein hat die Wahrnehmung der Partei treffend zusammengefasst: „Die Enttäuschung ist, wie schnell der ANC von einer Politik des Unmöglichen zu scheinbar normaler Realpolitik übergegangen ist, wie sie überall auf der Welt ausgeübt wird.“ Auch Goldberg beobachtet die Entwick-lungen durchaus mit Sorge. Er wird aber nicht müde, auch auf positive Entwicklun-gen hinzuweisen. So sei Zuma offensiv gegen Korruption vorgegangen, zuletzt sei deshalb der Polizeichef verhaftet worden. Geduld, sagt er, es bedürfe Geduld – 18 Jahre seien ein Wimpernschlag der Geschichte.
Sibangile Gamede hat keine Geduld mehr. Sie sitzt auf einem zerfledderten Ses-sel in ihrer Hütte im Johannesburger Township Alexandra, 1400 Kilometer von Gold-bergs Haus entfernt. In der Hand hält sie ein rosafarbenes Dokument, es ist schon etwas verknittert. Form C, „erhalten am 19. September 1996“, hat ein „F. Miller“ ver-merkt. Ein anderer kritzelte am 19. November 2001 „bewilligt“ darunter. Der Zuschlag für ein so ein so genanntes RDP-Haus – einfache Bauten, deren Kosten überwie-gend der Staat übernimmt.
„Es war immer mein Traum, in einem ordentlichen Steinbau zu wohnen“, sagt die 66-Jährige, „doch ich habe die Hoffnung aufgegeben. Und bestechen will und kann ich nicht.“ Bei einigen Beamten lässt sich die Vergabe beschleunigen. In Alexandra, so sagt man, stehe der Kurs bei 2000 Rand bezahlt haben, umgerechnet rund 200 Euro.
Mit dem Versprechen von besseren Häusern hatte der ANC vor den ersten de-mokratischen Wahlen im Jahr 1994 Kampagne gemacht. Die Blechhütten und impro-visierten Steinbauten sollten billigen, aber hochwertigen Häusern weichen: Jeder ha-be das Recht auf „angemessene Unterkünfte“ heißt es in der Verfassung des Lan-des.
Über drei Millionen neue RDP-Häuser sind seitdem entstanden, jeder fünfte Süd-afrikaner wohnt in einem. Zu wenig, der Bedarf wächst um 200.000 Wohneinheiten jährlich. „Es gab Schwierigkeiten“, räumte der ANC in seinem Wahlprogramm 2009 ein. Schrumpfende Haushaltsgrößen, Urbanisierung, vergebliche Suche nach geeig-netem Land. Und: Korruption. Hunderte Behördenmitarbeiter wurden der Vorteils-nahme angeklagt.
Immer wieder brechen Häuser zusammen, weil an Beton oder Konstruktion ge-spart wurde. Dabei wäre Gamede fast schon über ein Haus mit Baumängeln froh. Ihre zwei Zimmer inmitten der überfüllten „Alexandra-Extension 6“ sind brüchig, vor zehn Jahren legte sie selbst eine Stromleitung in die Hütte. Ihren Job in einer Batte-riezellen-Fabrik verlor sie vor 14 Jahren. Sie sei nun alt, sagt Gamede. Es fehle ihr die Energie, um wütend zu sein.
Unter den jungen Südafrikanern in den Townships schwelt die Wut dafür gewaltig – es geht nicht nur um Häuser, schwerer wiegt, dass sie von Arbeitslosigkeit beson-ders hart betroffen sind. Während sich Südafrika zu einer stabilen Demokratie mit lange boomender Wirtschaft entwickelt hat, sind die sozialen Unterschiede gleichzei-tig noch größer geworden als zum Ende der Apartheid.
Laut „Development Indicators Report“ der Regierung nahm der Anteil des nationa-len Einkommens unter den ärmsten zehn Prozent des Landes ab: Von 0,63 Prozent im Jahr 1993 auf aktuell 0,57 Prozent. Ihr Einkommen stieg zwar in dieser Zeit um 33 Prozent – doch allein die Mieten haben sich vervielfacht.
„Es muss sich etwas verändern“, sagt Gamede. Ihrer Stimme fehlt der Kampf, man hört sie kaum. Ein paar Fußminuten trennen ihre Bleibe in der 8th Street von den Madala-Hostels – jenen Unterkünften für Arbeiter, in denen vor 18 Monaten die fremdenfeindlichen Übergriffe auf Ausländer begannen, die sich auf mehrere südafri-kanische Townships ausbreiteten.
Die Menschen warfen ihnen damals vor, die Gehälter auf weniger als einen Euro pro Stunde zu drücken. Tage wie eine Explosion: Über 50 Menschen kamen ums Leben. „Die Politik hat viel dafür getan, dass so etwas nicht noch einmal passiert“, sagt Gamede. Die Polizei griff durch, prominente ANC-Mitglieder diskutierten wo-chenlang mit Bewohnern. Seitdem kommen die Konflikte nur noch selten an die Oberfläche.
Proteste gegen die Regierung aber gibt es weiterhin regelmäßig. Gamede zieht aus ihnen wenig Hoffnung: „So geht es seit Jahren, und nichts hat sich geändert.“ Sie werde wohl eines Tages in dieser Hütte sterben. In der Schublade werde dann wohl noch immer das Dokument „Form C“ liegen. Eingangsdatum: 19. September 1996.
Später erzählt Gamede noch, wen sie wählt: den ANC, trotz allem. So war es im-mer. Und so wird es wohl bleiben.
Erschienen in WELT am SONNTAG, 8. Januar 2012