13.05.2016

„Diese Droge zerstört deine Seele“

Nyaope besteht aus minderwertigem Heroin, Rattengift und HIV-Medikamenten. Ein Szenebesuch im südafrikanischen Township Diepsloot

Am schlimmsten ist das Aufwachen. Wenn die Magenkrämpfe jede Bewegung zur Qual machen, die Finger zu sehr zittern, um den nächsten Nyaope-Joint zu drehen. Zombie-Zeit, nennt das Wessels. Schon wenige Stunden Entzug machen den 27 Jahre alten Südafrikaner zum lebenden Toten. Oft hat er in der Nacht die letzten Vorräte verbraucht. Dann zieht er im Morgengrauen ausgemergelt und langsam durch die staubigen Wege des Johannesburger Townships Diepsloot. Pro Kilogramm Alt-Plastik, das er sammelt, bekommt er an einem Recycling-Hof 1,50 Rand. Umgerechnet 0,1 Euro. Wenn sein riesiger Sack gefüllt ist, 20 Kilogramm schwer, hat er genug Geld für das nächste Tütchen mit dem weißen Nyaope-Pulver.

Wessels folgt dem Rhythmus der Droge, die ihn und die meisten südafrikanischen Townships fest im Griff hat. Routiniert holt Wessels die anderen Zutaten aus seiner Hosentasche. Den Tabak, ein Blättchen, die Streichholzschachtel mit dem Marijuana. Ein Feuerzeug klickt. Er zieht den Rauch ein, hält ihn in der Lunge. Er sinkt in sich zusammen, die verkrampften Muskeln entspannen. Ein Lächeln. „Ich fühle mich wie im Himmel“, sagt er, „glücklich.“

Wohl noch nie hat eine Droge sich so schnell in Südafrika verbreitet. Im Jahr 2000 wurden die Behörden erstmals auf das minderwertige Heroin aufmerksam, das mit kaum weniger schädlichen Substanzen vermischt wird. „Da ist Rattengift drin“, glaubt Wessels, „das verlängert den Rausch.“ In Durban hält sich das Gerücht, das vor allem das antiretrovirale HIV-Medikament Efavirenz zum Strecken verwendet werde. Selbst von Batterie-Säure berichteten Süchtige. Der Nährboden ist bestens: Beinahe Zweidrittel der 15 bis 34-Jährigen sind arbeitslos, die Zukunftsperspektiven dürftig. Südafrikas Präsident Jacob Zuma machte kürzlich bei einem Besuch in einem Armenviertel in Pretoria eine Kampfansage. „Die Drogendealer zerstören dieses Land“, beklagte er, „wir werden das nicht zulassen.“

Doch für Wessels scheint der Kampf verloren. Inzwischen raucht er zehn Tüten am Tag. Zum Kauf von Essen bleibt ihm wenig, meistens reichen ihm ohnehin ein paar Kekse – Nyaope raubt alles, auch den Hunger. „Ich habe Angst, dass ich an diesem Monster verrecke“, sagt er, von Magenkrämpfen geschüttelt, „diese Droge zerstört deine Seele.“

Das Problem wird von den Behörden totgeschwiegen – mit tödlichen Folgen für Hunderte. Süchtige wie Wessels oder Kriminelle wie Obet zu verhaften, wäre keine Lösung. Das glaubt zumindest der Professor für Familienmedizin an der Universität Pretoria, Jannie Hugo. „Die Regierung betrachtet Nyaope aus dem Blickwinkel der Kriminalität und nicht als Gesundheitsproblem“, sagt er, „wenn das so bleibt, wird Nyaope ähnlich wie einst HIV außer Kontrolle geraten.“ Dort habe man sich in Südafrika auch lange modernen Behandlungsmethoden verweigert.

Die Kriminalisierung der Droge, argumentiert der Professor, halte viele Süchtige davon ab, sich an die Beratungsstellen zu wenden. Diese sind ohnehin äußerst dürftig ausgestattet. Südafrikas Behörde für Alkohol- und Drogenabhängige „Sanca“ hat eine Beratungsstelle in Diepsloot eingerichtet, doch täglich gibt es nur Kapazitäten für sieben Nyaope-Patienten. Und die Opium-Ersatzstoffe, für den Entzug nahezu unverzichtbar, sind im öffentlichen Gesundheitssystem nur in Ausnahmefällen verfügbar.

Die Zeit eilt. Es werde übersehen, dass sich Nyaope negativ auf andere Gesundheitskrisen auswirke, sagt Hugo. „HIV- und Tuberkulose-Infizierte nehmen ihre Medizin nicht mehr, auch auf geschützten Geschlechtsverkehr verzichten die meisten.“ In den ärmeren Gemeinden gebe es große Sorge. Wenn er aber an Gesprächen mit Politikern teilnehme, werde deutlich, dass es „zum Ausmaß und Intensität nicht die geringste Vorstellung“ gebe. Stattdessen benutzte die einflussreiche Ministerin für Frauen, Susan Shabangu, die Droge neulich zur Beschimpfung der Oppositionspartei „Economic Freedom Fighters“. Bei deren Unterstützern handele es sich um „Nyaope-Junkees“. Hugo hält die Ignoranz der Politik schlicht für dumm: Umgerechnet rund 60 Euro monatlich müssten für die Medikamente jedes Nyaope-Süchtigen budgetiert werde. „Die gesellschaftlichen Folgekosten sind um ein Vielfaches höher“, sagt der Professor.

In Diepsloot nimmt Wessels den letzten Zug aus seinem Nyaope-Joint. Er hat Brandwunden an den Fingern, so weit lässt er ihn herabbrennen. Der Schmerz kommt erst nach dem Hoch. So manch klarer Gedanke aber bleibt. Ohne die Droge denke er, dass er sterbe. Und mit ihr? Die Worte kommen langsam. „Ich habe kein Ziel“, sagt er, „jeder braucht doch etwas, auf das er hinlebt.“ Für ihn ist es der nächste Nyaope-Joint. Viel besser als der Tod, sagt er, sei das nicht.