05.09.2011

Der verlorene Traum des Sewsunker Sewgolum

Das größte Golftalent Südafrikas wurde von der Apartheid gestoppt – sein Enkel aber steht für die Utopie der Regenbogennation

Der junge Mann sitzt in einer Pizzeria der Gateway Mall. „Theatre of Shopping“ nennen sie in Durban den riesigen Einkaufskomplex, ein 180.000 Quadratmeter großes Denkmal der Konsumgesellschaft. Die neue südafrikanische Mittelklasse läuft mit prallen Einkaufstaschen vorbei, die Kreditkarte oft weit überzogen.

Nisharlan Sewgolum ist mit dieser neuen Nation aufgewachsen. Er war noch ein Kleinkind, als Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde und an der Utopie eines Landes arbeitete, das für Farbe blind war. Den Blick in die neoliberale Zukunft gerichtet. Die Welt vernahm hoffnungsvoll das Schlagwort der Regenbogennation, die sich vornahm, die Verbrechen der Apartheid hinter sich zu lassen. Lieber vergessen als vergelten.

Und hier sitzt Sewgolum. Sein Gesicht ist rund, es verbreitet Herzlichkeit, selbst mit nachdenklicher Mine. Der junge Mann teilt sich eine Pizza mit seinem Vater Rajen, aber er rührt sie nicht an, die Finger spielen mit der Serviette. In Gedanken ist der 26-Jährige bei seinem Großvater, dem vielleicht größten Golftalent der sechziger Jahre. Sewsunker „Papwa“ Sewgolum, eine vergessene Legende Südafrikas, ein stiller Kämpfer gegen das Apartheid-Regime, das ihn als „Indian“ und damit vor dem Gesetz minderwertige Rasse klassifizierte.

Über eine Million gibt es von ihnen, sie stammen von Arbeitern ab, die von den Briten im 19. Jahrhundert für die Arbeit in Minen und auf Plantagen nach Afrika gebracht worden waren. Eine Minderheit von nicht einmal drei Prozent der Bevölkerung, die während der Apartheid ähnlich wie die schwarze Bevölkerung diskriminiert wurde. Und die sich auch heute noch oft marginalisiert fühlt – diesmal von der Politik des Afrikanischen Nationalkongresses, der sich vor allem als Vertreter der schwarzen Mehrheit präsentiert.

Sewgolum war Bürger zweiter Klasse, wie die meisten in Südafrika. „Der Gedanke, was er alles hätte erreichen können, tut weh“, sagt der Enkel, „und mich schmerzt, dass die meisten nie von ihm gehört haben.“ So einer durfte nicht den Sport der weißen Apartheid-Elite dominieren. Doch genau das tat er.

Es ist die Geschichte einer südafrikanischen Familie, die sich nie zu Opfern hat machen lassen. In deren Wortschatz der Begriff „unmöglich“ keinen Platz hat. Und die an die Zukunft glaubt, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Papwas Mutter war blind, und Sewgolum musste 1938 nach nur einem Jahr die Schule verlassen. Geld verdienen, er sammelte Zweige am Strand und verkaufte sie. Mit einem aber, den der Vater zum Golfschläger geschnitzt hatte, schlug er einen alten Ball über den Strand und Felder.

Sewgolum hat nie eine Golfstunde gehabt. Aber er lernte den Wind zu lesen. Sah, wie sich die Ausrichtung der Grashalme je nach Stand der Sonne veränderte und den Schlag beeinflusste. Nur zeigen konnte er diese absolute Kontrolle  kaum –  selbst als er als Caddie im edlen Beachwood Country Club die Taschen der weißen Oberklasse zu tragen begann. „Sie durften montags von fünf bis acht Uhr morgens eine Runde spielen“, erzählt Nisharlan, der Enkel, „sonst blieben ihnen nur ein paar Quadratmeter, wo sie kurze Schläge geübt haben, wenn keine Kundschaft da war.“

Sewgolum gewann noch als Minderjähriger ein Amateurturnier nach dem anderen gegen andere Farbige, oft mit einem Dutzend Schlägen Vorsprung. Nur mit den weißen Golfern des Landes hätte er sich nie messen können – wäre da nicht Graham Wulfe gewesen. Der deutsche Unternehmer spielte eines Tages eine Runde mit einem Geschäftspartner. Als dieser mit einem von Sewgolum empfohlenen Schläger einen Ball verschlug, beschimpfte er den dunkelhäutigen Taschenträger wüst.

Sewgolum war einer, der Streit aus dem Weg ging. „Er sagte nur Freundliches über die Leute, sprach nie über Politik“, erinnerte sich einmal ein Weggefährte, der mit ihm als Caddie arbeitete, „wenn es nichts Gutes über einen Menschen zu sagen gab, sagte er einfach nichts.“ So ging Sewgolum auch diesmal wütend aber wortlos weg, doch Wulfe rief ihn zurück. „Warum hast du diesen Schläger empfohlen?“ Der Caddie antwortete, indem er sich einen Ball zurechtlegte und ihn bis auf ein paar Zentimeter an das Loch heranschlug.

„Zwischen den beiden entstand eine große Freundschaft auf Augenhöhe, obwohl sie in verschiedenen Welten lebten“, erinnert sich Rajen Sewgolum, Papwas Sohn. Er war 15, als der Vater viel zu jung im Alter von 48 Jahren an einem Herzinfarkt starb, doch er kann sich an unzählige kleine Details aus dessen Leben erinnern. Und an Ratschläge: Dass er sich auf die Schule konzentrieren solle, eher noch als auf den Golfsport, für den er die gleiche Liebe empfand. Und dass die Familie das Wichtigste sei – noch wichtiger als man selbst.

Der Trubel dieser westlich geprägten Einkaufswelt scheint zu verstummen, wenn Sohn und Enkel von dem großen Golfer erzählen. Sie haben seine Kraft geerbt, harte Arbeit hat ihnen ihren festen Platz in einer Gesellschaft gesichert, in der viele die Gründe ihre Armut noch immer allein auf das Erbe der Apartheid schieben. Rajen ist ein Wirtschaftsdozent an der Technischen Universität von Durban. Nisharlan hat die Prüfung zum Golftrainer geschafft und versucht, seit einem Jahr als Golfprofi Fuß zu fassen. Einige Qualifikationsturniere hat er gewonnen, jeden Tag steht er mehrere Stunden auf dem Platz und im Fitnessstudio. „Ich werde alles versuchen, um international zu spielen“, sagt der Sportler, „aber wenn es nicht klappt, werde ich auch ein gutes Leben führen. Es geht immer weiter.“ Er habe, das sei kein Geheimnis, längst nicht das Talent seines Großvaters.

Dieser hatte in den fünfziger Jahren Weltklasseniveau erreicht. Ohne es wirklich selbst zu wissen. Dafür aber erkannte Wulfe das Potenzial. 1959 flog er ihn persönlich mit seinem eigenen Flugzeug zu drei Turnieren nach Europa. Bei den British Open in London und den German Open in Hamburg spielte er lausig. Der südafrikanische Geheimdienst habe sein Essen vergiftet, munkelte die indischstämmige Bevölkerung in Durban. Belege gibt es dafür nicht, als sicher gilt Aussagen ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter zufolge allerdings, dass sie ihm auf Schritt und Tritt folgten.

Tatsächlich musste sich der heimatverbundene Golfer wohl auch an die neue Umgebung gewöhnen. So erzählte es Wulfe (2008 verstorben) zumindest in der großartigen Dokumentation „Papwa – the lost Dream of a South African Golfing legend“: „Ich habe ihn in England mit  dem Taxi zum Training zu einem Golfplatz geschickt. Für den Rückweg sollte er einfach wieder ein Taxi nehmen. Papwa aber sagte dem Fahrer, er solle warten. Das Taximeter lief den ganzen Tag, am Ende standen da 60 Pfund.“

Bei den Dutch Open in Eindhoven spielte der völlig unbekannte Südafrikaner dann doch noch in Bestform – und gewann sensationell gegen die versammelte Weltklasse. Als er zurück nach Durban kam, empfingen ihn Tausende Farbige am Flughafen, sie fuhren ihn im Cabriolet durch die überfüllten Stadt. Das Apartheid-Regime war blamiert, konterkarierte dieser einfache Mann doch die Ideologie der regierenden National Party von der überlegenen weißen Rasse.

Sewgolum wurde schließlich erlaubt, 1963 bei den prestigeträchtigen Natal Open im altehrwürdigen Durban Country Club gegen weiße Spieler anzutreten. Die Umkleide: der Parkplatz. Nur weiße Golfspieler durften das Klubgebäude betreten, Papwa durfte weder die Toilette noch irgendeinen anderen Raum betreten. Doch er siegte, gleich zweimal: 1965 schlug er Gary Player. Der „Schwarze Ritter“, wie er sich wegen seiner schwarzen Kleidung nannte, dominierte zusammen mit Arnold Palmer und Jack Nicklaus die sechziger und siebziger Jahre – und hatte doch keine Chance gegen diesen Spieler, der nie eine Golfstunde bekommen hatte und den Schläger mit einem völlig falschen Griff hielt.

Der Lohn: 80.000 Rand, nach heutigem Kurs umgerechnet über 8000 Euro. Ein Vermögen, doch der Scheck wurde im Regen übergeben, weil das Klubhaus nicht gegen die Regeln der Apartheid verstoßen wollte. „Der Ruhm und die Schande“, titelte eine lokale Zeitung angesichts der unwürdigen Ehrung. Der Klub versuchte die würdelose Zeremonie später mit den über 1000 Fans auf dem Platz zu erklären, die nicht in das Gebäude gepasst hätten. Doch letztlich wagte man nicht, gegen den „Group Areas Act“ zu verstoßen.

Keiner opponierte, auch der unterlegene Player nicht. „Wir wurden einer Gehirnwäsche unterzogen“, sagte der Profi, der damals mit dem Apartheid-Doyen Hendrik Verwoerd Golf spielte, „von jungen Jahren an wurde uns eingetrichtert: Es wird getrennt sein, aber doch gleich.“ Er habe allerdings mehrfach versucht, sich für Sewgolum einzusetzen. Auch 1966. Vergeblich.

Es war das Jahr, als Sewgolum von weiteren Wettkämpfen gegen weiße Sportler ausgeschlossen wurde. Die wichtigsten Widerstandskämpfer um Mandela waren längst inhaftiert. Sewgolum blieb sein Leben lang unpolitisch, aber er war eine Identifikationsfigur. Sein Erfolg – eine permanente Beleidigung des Regimes. 1965 hatte er die Dutch Open ein drittes und die Natal Open ein zweites Mal gewonnen, und mitten in dem immer blutiger werdenden Befreiungskampf wurde der Ruf nach einem Fall der Rassengesetze im Sport immer lauter. „

Ich erinnere mich, dass Papwa nicht mehr spielen durfte, weil er gegen Gary Player gewonnen hatte“, erzählt Sewgolums Witwe Suminthra in der Dokumentation, die derzeit als Grundlage für ein Spielfilmmanuskript dient. Sewgolums Sponsoren wurden unter massiven Druck gesetzt, ihre Unterstützung fortzusetzen, die internationale Karriere war damit mit Ausnahme von zwei Turnierteilnahmen unmöglich – das faktische Karriereende mit 35, auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Er starb 1978 so arm wie er geboren wurde.

Es dauerte auch nach der Transformation zur Demokratie lange, bis der Golfer die verdiente Anerkennung bekam. Die Debatte um die traditionell von Weißen dominierten Sportarten ist in Südafrika allgegenwärtig. Noch immer diskutiert die Nation etwa, ob es eines Quotensystems im Rugby bedarf, um mehr als ein oder zwei farbige Spieler in der Startaufstellung zu haben. Der Golfverband überging Sewgolum, als er im Jahr 2000 die Liste der 100 größten südafrikanischen Golfer des Jahrhunderts veröffentlichte. Erst im Jahr 2004 bekam er posthum den höchsten Sportorden des Landes verliehen. In Durban wurde ein öffentlicher Golfplatz nach ihm benannt und vor zwei Jahren bekam er schließlich seinen Platz in der Hall of Fame des südafrikanischen Golfs. Sohn und Enkel hatten bei der Feier Tränen in den Augen. Auch jetzt.

Sie bestellen die Rechnung. Gleich schließen die Geschäfte. Rajen muss noch den Flieger nach Johannesburg erwischen, er hält dort einen Vortrag, Und Nisharlan bereitet sich auf ein Turnier in Durban vor. Sie leben in der Gegenwart Südafrikas, keine Frage. Aber in der hat der verlorene Traum des Großvaters seinen Platz. Der Enkel versucht ihn wiederzufinden.

 WELT am SONNTAG, 28. August 2011