18.12.2018

Der letzte Wärter

Jack Swart war der letzte Gefängniswärter von Nelson Mandela. Eine Begegnung

20 Schritte lang ist der Flur vom Schlafzimmer bis zur Kürche. Jeden Morgen, wenn Jack Swart bei Sonnenaufgang die Wohnung aufschloss, kam ihm dort Nelson Mandela entgegen. Der ehemalige Präsident war ein Mann der Gewohnheiten: „Guten Morgen, Mr. Swart“, sagte er, „wie geht es ihnen?“ Und Swart antwortete stets: „Danke gut. Und selbst?“

Fast drei Jahrzehnte sind vergangen, seit Mandela den Flur entlanggegangen ist. Fast fünf Jahre seit Mandelas Tod. Die letzten 14 Monate seiner 27 Jahre andauernden Haft hatte die südafrikanische Ikone einst in dem ehemaligen Farmhaus am Rande des Victor-Verster-Hochsicherheitsgefängnisses verbracht. Es war das wohl wichtigste südafrikanische Haus der Jahre 1989 und 1990, Verhandlungsstätte für das Ende der Apartheid. Minister, Gewerkschafter, Banker und Anführer des damals noch immer verbotenen African National Congress (ANC) nahmen auf dem rosa Sofa von Mandela Platz. Ein komfortabler Rahmen. Am Ende aber blieb es ein Gefängnis.

„Hier wurde das neue Südafrika geboren“, sagt Swart, inzwischen 71 Jahre alt. Er steht nun wieder am Ende des Flures. Das Gefängnis ist weiterhin in Betrieb, und auch das Haus auf dem Gelände des Gefängnisses steht nahezu unverändert, inklusive der damals von Swart innerhalb weniger Tage zusammengestellten Inneneinrichtung. „Wenn ich die Augen schließe“, sagt der pensionierte Gefängniswärter mit einem Anflug von Sentimentalität, „dann habe ich Mr. Mandela vor Augen, wie er mir entgegenkommt.“

Doch als ihm sein Chef im Jahr 1988 eröffnete, er werde künftig rund um die Uhr für Südafrikas gefürchtetsten Sträfling zuständig sein, da empfand Jack Swart dies erst einmal als Degradierung. Jahrelang hatte sich der Gefängniswärter in der Hierarchie der südafrikanischen Gefängnisinsel Robben Island nach oben gearbeitet, wo er schließlich für alle Kantinen hauptverantwortlich war. „Und nun sollst Du einen Kaffir bekochen“, sagte ein Freund verächtlich. Der „Kaffir“, eine verächtliche und inzwischen illegale Bezeichnung für Dunkelhäutige, war Nelson Mandela.

Nun, kurz bevor Mandela 100 Jahre alt geworden wäre, spricht Swart über diese Zeit mit unverhohlenem Stolz. Mandela war nach Paarl verlegt worden, weil er sich in einem Kapstädter Gefängnis mit Tuberkulose infiziert hatten. Die weiße Regierung wusste, dass der aus geopolitischen und wirtschaftlichen Gründen unvermeidliche Regierungswechsel wohl nur mit einem gesunden Mandela friedlich gelingen könne, der radikalere Strömungen innerhalb des ANC kleinhielt. Fortan galten also bestmögliche Haftbedingungen. „Viel Eiweiß, wenig Cholesterin“, diktierten die Ärzte Swart den Speiseplan.

Und der Gefängniswärter gehorchte, so wie er immer gehorcht hatte. Ein Mitläufer, der sich als „völlig unpolitisch“ beschreibt. Geboren im Norden Südafrikas, wo der das System der Rassentrennung besonders großen Rückhalt bei den Weißen hatte, war nach der Schule kein Platz auf der Farm Eltern. Also folgte er einem Onkel in den Gefängnisdienst. Ein junger Gehilfe des Systems, der einst strahlend eine Auszeichnung von Hendrik Verwoerd als jahrgangsbester Rekrut seiner Kompanie entgegennahm.

„Sprich mit keinem Gefangenen“, sagte man ihm, als er nach Robben Island versetzt wurde, „das sind gefährliche Terroristen.“ Bald folgte die erste Begegnung mit Mandela, der hier den Großteil seiner Gefangenschaft absitzen musste. Swart war damals dafür verantwortlich, ihn und andere ANC-Größen über holprige Feldwege zu einem Steinbruch auf der Insel zu fahren. Eines Tages klopfte Mandela an die Fensterscheibe: „Was zum Teufel glaubst Du, was wir sind – Mehlsäcke?“ Swart solle gefälligst vorsichtiger fahren.

Später, beim Wiedersehen in Paarl, schmunzelte Mandela: „Ich hoffe, Sie sind ein besserer Koch als Fahrer, Mr Swart.“ Er verstand es meisterhaft, auch seine Feinde um den Finger zu wickeln. „Ich werde mir Mühe geben, Mandela“, antwortete Swart, der in den ersten Wochen noch angewiesen war, den Gefangenen degradierend mit dem bloßen Nachnamen anzureden. Erst nach zwei Monaten kam der Befehl, das respektvolle „Mr“ hinzuzufügen.

Damals ahnte Swart noch nicht, dass er den künftigen Präsidenten Südafrikas und Friedensnobelpreisträger vor sich hatte. Als die Besucher immer hochkarätiger wurden, er vom Küchentresen aus langen Diskussionen zusah, da wusste er, dass Mandela trotz seines fortgeschrittenen Alters von bereits über 70 Jahren bald eine bestimmende Position übernehmen würde.

„Es ging auch darum, ihn auf die Zeit in Freiheit vorzubereiten“, sagt Swart. Abseits der Verhandlungen war er für Themen des Alltags verantwortlich – Mandela hatte über zwei Jahrzehnte technischen Fortschritts verpasst. „Die Mikrowelle war neu für ihn“, sagt Swart, „er konnte nicht glauben, als ich damit ein Glas Wasser aufgewärmt hatte.“ Wie einen Zaubertrick habe er das Gerät noch Monate später ANC-Freunden vorgeführt. Swart begleitete Mandela auch zu seinen regelmäßigen Arztbesuchen außerhalb des Gefängnisses, im Anschluss waren Ausflüge genehmigt.

An Küstenorten wie Paternoster oder Hout Bay ging Mandela, von dem die Zeitungen des Landes über Jahrzehnte hinweg keine Fotos veröffentlichen durften, unerkannt an Bürgern vorbei. Ein wenig Freiheit, wenngleich Swart und andere in Zivil gekleidete Wachmänner anders als im Gefängnishaus Schusswaffen bei sich trugen. Wohl eher als Schutz vor einem Anschlag auf Mandela durch weiße Rechtsextremisten, als wegen Fluchtgefahr.

Langsam geht Swart von Zimmer zu Zimmer. Es gibt keinen Winkel in dem rund 150 Quadratmeter großen Haus, zu dem er nicht eine Geschichte parat hätte. Die Waschmaschine, die Mandela selbst bediente – nachdem der Wächter Gebrauchsanweisungen auf die Oberfläche gekritzelt hatte. Links das Gästezimmer, in dem nur einmal zwei Enkelkinder übernachteten – Mandelas Frau weigerte sich aus Protest gegen seine anhaltende Inhaftierung, trotz der Erlaubnis der Behörden in dem Haus zu übernachten. Ganz hinten der winzige Raum, in dem Mandela jeden Morgen um vier Uhr Liegestütze machte. Auf der Terrasse ein Sonnenschirm mit winzigem Loch im Holz: „Da war früher eine Abhörvorrichtung drin.“

Manchmal klingt der Pensionär, als spreche er über längst vergangene Zeiten in einer Studenten-WG. Über den süßen Weißwein etwa, den Mandela seinen Gästen zu deren Entsetzen auftischen wollte, was Swart triumphierend verhinderte, indem er einen trockenen Wein als Alternative anbot. Eigentlich sollte Mandela mit seinem von den Behörden bereitgestellten Taschengeld für Feuerholz bezahlen. Dieser aber überzeugte die Ärzte, er brauche aus Gesundheitsgründen ein entsprechendes Rezept.

Swart grinst anerkennend, wie ein Junge beim gelungenen Streich des Kumpels. Auch vom Tag der Freilassung am 11. Februar 1990 hält er eine Anekdote bereit. Mandela vergaß sowohl die Lesebrille im Haus, als auch das Manuskript für seine berühmte erste Rede in Freiheit auf dem Balkon des alten Kapstadter Rathauses. Ein Begleiter hatte zum Glück eine Kopie dabei. Um sie lesen zu können musste sich Mandela allerdings die Brille seiner damaligen Frau Winnie leihen.

Ohne Ausnahme schwingt tiefer Respekt, tiefe Zuneigung in seinen Worten mit. „Er war ein großartiger Gentleman“, sagt Swart, „dass er all das Geschehene vergeben konnte, ist kaum zu verstehen.“ Bei einem offiziellen Anlass stellte Mandela den Mann, der ihn bekocht und bewacht hatte, als „sehr guten Freund“ vor. Auch Swart spricht von einer Freundschaft, trotz der 29 Jahre Altersunterschied sei er „beinahe wie ein Bruder gewesen“. Gesiezt haben sie sich trotzdem bis zuletzt.

Der ehemalige Wachmann hat einen Aktenordner mitgebracht, in Klarsichthüllen bewahrt er säuberlich auch die belanglosesten handschriftlichen Notizen Mandelas („Bitte morgen ein leichtes Frühstück“) auf. Und Fotos: von Mandelas Vereidigung oder gemeinsamen Tee mit Mandelas Familie. Swarts Frau, eine Schneiderin, änderte auf seinen Wunsch hin einige Kleidungsstücke, die Mandela nach seiner Freilassung trug. Er bestand darauf zu bezahlen.

Diese Korrektheit, den unbedingten Willen, schon den Anschein von Korruption zu vermeiden, vermisst Swart bei vielen von Mandelas Nachfolgern im ANC. Noch heute redet er nicht gerne über Politik, aber er gibt zu, dass er über die Entmachtung von Jacob Zuma froh ist. Mit dessen Nachfolger Cyril Ramaphosa, dem neuen Präsidenten, verbindet er immerhin wieder Hoffnung: „Mandela wollte ihn schon vor 20 Jahren als seinen Nachfolger aufbauen. Ramaphosa ist ein großer Gegensatz zu Zuma.“

Noch immer kehrt Swart gerne in das unscheinbare Farmhaus zurück. Und er glaubt, dass sich auch Mandela trotz der Gefangenschaft in den bescheidenen Räumen zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder ein wenig wie zu Hause gefühlt haben muss. Einige Zeit nach seiner Freilassung habe Mandela um die Pläne mit den Grundrissen gebeten. Er ließ das Haus originalgetreu auf seinem Landsitz im Dorf Qunu nachbauen.