05.09.2011

Der König der Leoparden

Mitglieder der Shembe-Kirche schmücken sich mit Leopardenfellen – ein Südafrikaner Raubkatzen retten. Mit marktwirtschaftlichen Methoden

Sie sind selten zu sehen. Leoparden gehören zu den scheusten Raubkatzen überhaupt. Die anmutigen Tiere ruhen auf Bäumen, erspähten die Beute aus der Ferne. Meistens jagen sie in der Nacht. Ihre beeindruckende Koordination der über 500 Muskeln – Anmut, von Dunkelheit umhüllt. Wird die Nahrung knapp, ziehen sie durch das Land, oft Hunderte Kilometer weit. Alleine. Es ist die Aura des Unnahbaren, die Tristan Dickerson an diesen Einzelgängern so fasziniert.

In den vergangenen Jahren hat der südafrikanische Tierschützer die Tiere viel zu oft aus nächster Nähe gesehen. Elendig verendet in Metallfallen, die sich zu einer Schlinge um den Hals zusammenziehen. Oder, noch feiger, mit Pflanzenpestiziden auf Fleischködern vergiftet. „Das ist ein Verbrechen von gewaltigem Ausmaß“, sagt der Leopardenexperte der Tierschutzorganisation Panthera. „und es wird immer schlimmer. Ihre Zahl in Südafrika sinkt dramatisch.“ Ganze 4000 sind es noch.

Sie gelten als Symbol der Stärke. Und das gerät ihnen zur größten Schwäche. Dickerson führte unzählige Gespräche mit Leuten auf dem Land, um der steigenden Nachfrage nach Leoparden-Fellen auf die Spur zu kommen. Und seine Recherche führte ihn schließlich zu einer Versammlung der Shembe-Kirche, eine Glaubensgemeinschaft, die christlichen und afrikanische Kultur verbindet. Die Gläubigen, die überwiegend der ethnischen Gruppe der Zulu angehören, trugen Seshoeshoe – traditionelle Gewänder. „Ich habe mindestens 600 Leopardenfelle bei diesem Fest gesehen“, erzählt Dickerson. Die Kirche wachse gewaltig. Fünf Millionen Anhänger hat sie nach eigenen Angaben. Mit jedem, der hinzukommt, steigt der Bedarf nach den Fellen. Das Prestigeobjekt bedeckt bei Tänzen den nackten Oberkörper.

Auf der anderen Seite dieser ungleichen Rechnung stehen 400 Leoparden, die der Provinz KwaZulu-Natal verblieben sind. Hier hat die Kirche ihr Hauptquartier, doch auch weltweit gibt es immer weniger der stolzen Raubkatzen: Vor drei Jahren stufte die „Internationale Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen“, kurz IUCN, den Leoparden auf seiner Roten Liste in die Kategorie „beinahe gefährdet“ hoch. Bis dato hatte er wenig Sorgen bereitet. „Wir sind in einer frühen Phase der Gefährdung“, sagt Dickerson, „aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht sehenden Auges das gleiche erleben, wie vor Jahren mit den massiv bedrohten Tigern.“

Der Tierschützer könnte jetzt die Behörden bedrängen, endlich vehementer gegen den Besitz und Handel von Leopardenfell vorzugehen. Immerhin ist beides illegal, von wenigen Ausnahmegenehmigungen für Führer der Kirche und das Zulu-Königshaus abgesehen. Oder er könnte sich an Firmen wenden, die mit Einsätzen gegen Wilderer ein kleines Vermögen verdienen. Stattdessen geht er das Problem aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive an. Und damit effektiver.

Der 32-Jährige sitzt auf der Terrasse seines Hauses in der Küstenmetropole Durban und starrt auf seinen Laptop. Auf dem Bildschirm sind drei Bilder von Leoparden-Fellen, einige mit kleineren Punkten, einige mit größeren. Keines von ihnen ist echt. Eine Geschäftsidee für den Naturschutz: Dickerson will zusammen mit der Kirche Kunstfell herstellen, zu einem Verkaufsreis von maximal 50 Euro. Das ist ein Viertel des Schwarzmarktpreises für ein echtes Leopardenfell. Auch Kunstfelle, die in Industriestaaten auf dem Markt sind, kosten ein Vielfaches. „Diese Felle sind aber ohnehin nicht genau genug imitiert“, sagt Dickerson, „Shembe-Anhänger würden damit niemals zu einem Fest gehen.“

Bislang gibt es keine Alternative. Und allzu oft wird die Wilderei von den Behörden stillschweigend geduldet. Selbst von oberster Stelle: Jacob Zuma, Südafrikas Präsident, trägt bei Zulu-Zeremonien bevorzugt Leopardenfell. Ohnehin suchen viele Politiker die Nähe zu den afrikanischen Kirchen, deren Anhänger eine wichtige Wählergruppe darstellen. Mit denen verscherzt man es sich nicht. Schon gar nicht, so scheint es, wegen Tieren.

Dickerson hat einen Balanceakt zu meistern – wie so oft, wenn es um Artenerhalt geht. Weltweit sind 20 Millionen Menschen zum Schutz von Tieren umgesiedelt worden, 14 Millionen davon allein in Afrika, nicht selten von wütenden Protesten begleitet. Umstritten ist das Thema auch immer wieder in Asien: In China argumentieren traditionelle Heiler, sie bräuchten die Hörner von Nashörnern für ihre Medizin. Sie beharren darauf, dass das Wohl des Menschen auch über das von Tieren zu stellen sei, die vom Aussterben bedroht sind. Unabhängig davon, dass ein medizinischer Nutzen  nach westlichen Standards gar nicht nachweisbar ist. Im Falle der Shembe-Kirche steht nur ein Detail eines Rituals auf dem Spiel – sensibel bleibt die Angelegenheit aber auch hier.

So sind Razzien gegen die illegalen Händler entsprechend selten. Als im Jahr 2007 bei einer Hausdurchsuchung 58 Felle gefunden wurden, kam der Täter mit Sozialstunden davon – nach Angaben der Organisation „Endangered Wildlife Trust“ sah das Gericht auf Ersuchen der Kirche von einer Haftstrafe ab. Der Mann führte seinen Handel unbeeindruckt fort, wurde ein knappes Jahr später mit 92 Fellen erwischt – und wieder freigelassen. Es habe Verfahrensfehler gegeben, teilte das Gericht mit.

„Eine Veränderung kann nur aus der Gemeinschaft selbst entstehen“, glaubt Dickerson. Er führte unzählige Gespräche, betrieb in gewisser Hinsicht Marktforschung und fand etwa heraus, dass dick gepunktetes Fell vom Rücken des Leoparden populärer als die Bauchseite ist. Und er verstand die Ursprünge des Brauchs: „Shembe, der Führer der Kirche, ist in den sechziger Jahren angeblich von Gott gesagt worden, dass künftig alle Leopardenfelle tragen dürfen. Es ist also keine wirkliche Tradition, die Kirche ist erst 100 Jahre alt. Für mich war das Entscheidende, dass die meisten die Felle vor allem aus optischen Gründen tragen.“ Eine wichtige Voraussetzung für das Ersatzprodukt.

Ausdauernd präsentierte er sein Konzept auf unterschiedlichen Hierarchieebenen der Kirche. Diese aber wird nach dem Tod ihres Führers Vimbeni Shembe im März von Führungskämpfen erschüttert, die Kommunikation gestaltet sich schwierig. Aber Dickerson fand immerhin einflussreiche Mitglieder, die er von der Idee überzeugen konnte.

Schon aus ganz praktischen Gründen, sagt Shembe-Sprecher Enock Mthembu: „Wir brauchen mehr Felle, denn die Kirche wächst jeden Tag.“ So schnell, dass es auf dem Schwarzmarkt längst nicht mehr genug Felle gibt, obwohl sie selbst aus den Nachbarländern Mosambik und Simbabwe eingeführt werden. Dickerson will den Verkauf mittelfristig in die Hände der Shembe-Kirche legen, nur ein gewisser Anteil soll in die Leopardenforschung fließen. Weder er noch sein Arbeitgeber Panthera werden daran verdienen – es ist schließlich eine gemeinnützige Organisation.

Doch Panthera finanziert zunächst einmal die Versuchsphase, während der Dickerson als Teilzeitmanager agiert. Ein ungewohntes Berufsfeld. Es dauerte Monate, bis er in der von asiatischen Billigimporten geschwächten Textilindustrie eine Maschine fand, die Schnitt und Färbung leisten kann. In diesen Tagen laufen die ersten 100 Meter vom Band – genug 200 Felle. „Mal schauen, wie die ankommen“, sagt Dickerson vorsichtig.

Die Zeit eilt. Im Januar findet das größte Treffen des Jahres der Shembe –Kirche statt – läuft alles nach Plan, sollen dann Kunstfelle im großen Stil verkauft werden. Bis dahin wird Tristan Dickerson von den erfahrenen Dokumentarfilmern Greg Lomas und Thomas Colwyn begleitet, die über Dickersons ungewöhnliche Problemlösung einen Film drehen. „Die Kirche lehrt die Bewahrung der Natur“, sagt Dickerson, „wir hoffen, dass sie die Chance wahrnehmen, dies auch zu zeigen.“

Es gab einige vergleichbare Versuche, über Ersatzprodukte eine Tierart zu retten. Mit wechselhaftem Erfolg. In Indonesien versuchte man etwa, die Nachfrage nach dem wilden Bali-Starling durch die Zucht und den reglementierten Verkauf von Starlingen aus Käfighaltung zu senken. Die wilden Vögel wurden dennoch weiter gejagt. In China stellte man gezielt traditionelle Medizin her, die den Effekt von Medikamenten aus Tigerteilen imitierte – mit kontraproduktivem Effekt. „Man hat das bald erheblich eingeschränkt und teilweise verboten“, sagt Richard Thomas von der englischen Tierschutzorganisation TRAFFIC, „eine solche Initiative kann den Effekt haben, dass sie die Nachfrage stimuliert und damit auch die echten Tierteile begehrter werden.“ Man müsse die Entwicklung in Südafrika abwarten, er empfehle aber „eine genaue Beobachtung“ der Auswirkungen.

Effektiver sei es, die Führer der Kirche zu einem starken Statement gegen das Tragen der Leopardenhaut zu bewegen. Denn in Tibet gelang es in den neunziger Jahren, den Gebrauch von Tigerfellen erheblich einzuschränken, nachdem der Dalai Lama öffentlich zu einem Verzicht aufgerufen hatte. In Südafrika aber ist nicht auszuschließen, dass die Kirche an dem illegalen Verkauf mitverdient und Provision dafür verlangt, dass die Händler ihre Ware im Umfeld der Kirche anbieten dürfen. Es bedarf eines finanziellen Interesses.

Für große Bedenken bleibt ohnehin kaum Zeit, sonst sind die wenigen verbliebenen Leoparden in der KwaZulu-Natal-Provinz ausgerottet. Dickerson packt seinen Laptop in eine Tasche. Er fährt wieder „in den Busch“, wo er einige Wochen lang das Verhalten von 13 ausgewählten Leoparden studiert. Danach liegen die Testfelle vor, und er will er wieder zur Kirche gehen. Der Tierschützer bleibt optimistisch, dass sich die Kirchenführer kooperativ zeigen werden. Doch sollten alle Bemühungen scheitern, sieht man sich vor Gericht: „Das ist unser letztes Mittel.“

DIE WELT, 28. August 2011