08.12.2011

„Das Heimweh ist weg“

Weltklassesurfer Taj Burrow über das Leben auf der Tour. Und seine seit 14 Jahren andauernde Weltreise

Taj Burrow sitzt am Küchentisch. Es gibt Salat, gleich wird der Grill an-geworfen. Irgendwie die Zeit rum kriegen, am Morgen war er Tennis spielen – seit drei Tagen gab es beim Billabong Pro Contest von Jeffrey’s Bay (Südafrika) keine ordentlichen Wellen mehr. Also warten. Das sei das schlimmste, sagt der fünftbeste Surfer der Welt. Ein wenig schläfrig sieht der 33-Jährige aus, und man merkt ihm gerade nicht an, dass sich kaum einer so schnell auf dem Wasser bewegen kann wie er. Ein paar Jungs in Surfshorts sitzen auf Sofas. Musik plätschert im Hintergrund. Draußen sei es ruhiger, sagt Burrow und trödelt in Badeschlappen gemütlich auf die Terrasse. Der Grill ist noch nicht angeheizt. Also Zeit zum reden – über das Leben auf der Tour. Und seine seit 14 Jahren andauernde Weltreise.

??? Gehen wir recht in der Annahme, dass Sie den besten Beruf der Welt haben?

Taj Burrow: Auf jeden Fall. Natürlich sind die ewig langen Flüge manchmal anstren-gend und es nervt auch, immer aus dem Koffer zu leben. Man muss schon ziemlich Lust auf Reisen haben, aber die habe ich. Ich mache schließlich das, was ich am liebsten ma-che an den schönsten Orten der Welt. Und werde dafür auch noch bezahlt. Das ist schon ziemlich cool.

??? Was ist denn das schönste am Reisen neben dem Surfen?

Burrow (lacht): Frische Bettlaken und Zimmerservice, da kann man sich schon dran gewöhnen.

??? Kein Heimweh?

Burrow: Nein, nach all den Jahren eigentlich nicht mehr, das ist weg. Ich liebe diese Abwechslung, unterschiedliche Klimazonen, die Leute, die immer neuen Landschaften. Ich kenne es gar nicht mehr anders.

??? Was sind Ihrer Erfahrung nach die schönsten Orte der Welt?

??? Die Goldküste in Australien ist fantastisch. Aber auch Tahiti ist einmalig, da könnte ich ewig bleiben.

??? Im vergangenen Jahr wurden auf der Weltserie über acht Millionen Euro Preisgeld vergeben. Wie realistisch ist angesichts dieser Summe das Image der ewig feiernden Le-benskünstler?

Burrow: Einige der Jüngeren machen schon gerne Party. (Er grinst.) Ok, zugegeben, ich auch manchmal. Die Stopps der Welttour sind die größte Woche des Jahres für die meisten Orte, da zieht es einen schon manchmal mit rein. Aber während des Contests sieht man eigentlich keinen, der abends noch lange unterwegs ist. Zumindest so lange man im Wettbewerb ist, das war früher vielleicht noch so, heute funktioniert das nicht mehr. Da wird auch nichts getrunken. Sonst merkt man es am nächsten Morgen im Was-ser und hat keine Chance. Die ersten Heats (Duell zweier Surfer) beginnen ja manchmal schon um sieben Uhr morgens.

??? Früher hieß es, man muss nur möglichst viel Zeit im Wasser verbringen, um gut zu surfen.

Burrow: Das ist ja auch das wichtigste, vor allem das Surfen unter verschiedenen Be-dingungen. Aber man braucht heutzutage schon eine Menge Hilfe. Es gibt wahnsinnig vie-le Surfer, die das ganze Jahr mit einem eigenen Technik-Trainer und Kameramann durch die Welt reisen, man braucht einen Manager, Experten für den Surfbrettbau und Fitness-trainer. Ich mache da etwas weniger in diese Richtung, aber ich habe seit vier Jahren zum Beispiel einen Ernährungsprofi, der mit mir reist und nur die gesündesten Sachen kocht. Der achtet darauf, dass ich nicht so viel Mist esse. McDonald’s ist nicht mehr, und da war ich früher echt ein guter Kunde.

??? Sie haben in der Top-10 Abschlusswertung so ziemlich jeden Platz belegt – nur den ersten nicht. Wird man da nicht auch im entspanntesten aller Profisportarten ein wenig verbissen?

Burrow: Klar möchte ich dieses Ziel noch erreichen, jeder möchte gewinnen. Aber ver-bissen ist die Szene nicht. Wenn man bedenkt, wie viel auf dem Spiel steht, gehen wir sehr freundschaftlich miteinander um. Gerade wir Australier verbringen viel Zeit miteinan-der und helfen uns auch, wenn es mal Probleme gibt.

??? Das ist ja dann eine recht große Reisegruppe, ein Drittel der 36 Weltseriensurfer kommt aus Australien.

Burrow: Ja, wir sind komplett surfverrückt. Aber wir haben ja auch 20.000 Kilometer Küste, und die meisten wohnen in der Nähe des Strands. Wir sind zwar nicht so viele (20 Millionen Einwohner, d. Red.), aber da so viele surfen, ist das schon ein großer Markt. Das Fernsehen berichtet live von den Contests, und es gibt haufenweise Sportschulen und Surfinternate, wo die Jungs schon von klein auf jeden Tag surfen können. Mit Trainern und Videoanalysen und allem drum und dran.

??? Haben Sie denn eine Chance, so lange Kelly Slater noch surft? Er ist gerade da-bei, seinen elften WM-Titel zu gewinnen.

Burrow: Ja, der surft einfach in einer eigenen Liga. Und das mit 39 Jahren. Aber das motiviert auch. Früher, so bis Mitte der neunziger Jahre, hat man mit Ende zwanzig lang-sam an Rücktritt gedacht. Heute kann man auch mit Mitte 30 noch mithalten. Man muss nur die Tricks der Jungen beobachten und darf sie nicht davonziehen lassen. Natürlich gibt man sich nicht dauerhaft mit dritten Plätzen zufrieden. Aber mein Glück ist nicht von dem Titel abhängig. Ich tue gerade alles dafür, aber mir ist schon bewusst, dass es mir auch ohne ihn gerade sehr gut geht.

??? Haben Sie eine Erklärung für Slaters Dominanz?

Burrow: Nein, manchmal bin ich da auch ratlos. Er ist wirklich der einzige, den ich nie-mals außerhalb des Wassers habe trainieren sehen. Kein Stretching, kein Krafttraining, nichts. Ich glaube, niemand hat ihn je trainieren sehen. Keiner ist so gelenkig wie er, er hat ein extrem gutes Gefühl für das Meer. Und er passt sehr auf seinen Körper auf. Kelly trinkt zum Beispiel strikt keinen Alkohol und achtet sehr auf seine Ernährung.

??? Slater hat einen ganz eigenen Reisestil, er übernachtet abgeschottet bei vielen Familien, wo er schon als 16-Jähriger während Contests aufgenommen wurde. Wird das Reisen irgendwann zum Zuhause?

Burrow: Das vielleicht nicht. Aber man kommt ja immer wieder an die gleichen Orte, und dort hat man sich irgendwann ein richtig gutes Netzwerk aufgebaut. Ich weiß dann, wo man hingehen kann oder wer helfen kann, und man kann man sich ganz aufs Surfen kon-zentrieren. Das ist für mich das wichtigste.