16.01.2019

Bis zum letzten Reifen

Wilde Fahrmanöver - das Spinning - ist zu einer Subkultur in Südafrika geworden. Die Fahrer sind lokale Helden

In einer kalten Donnerstagnacht steuert im Süden Johannesburgs eine Kolonne mit Hunderten aufgemotzten Autos auf ein abgelegenes Feld zu. In dessen Mitte befindet sich – eingerahmt von haschischverrauchten Tribünen – ein fußballfeldgroßer Asphaltplatz, beschallt von Hip-Hop: Es ist die Arena der Spinning-Stars, der wildesten aller Auto-Akrobaten. In Südafrikas Armenvierteln haben sie Heldenstatus.

Mehr als 2000 Zuschauer sind gekommen, auf der Suche nach dem Adrenalin-Kick, nach etwas Anarchie im Alltag. Hinter dem Steuer seines qualmenden 3er-BMW sitzt Bradleigh McGregor, den hier alle nur Skopas nennen. Er atmet tief durch. Ein paar Sekunden Konzentration, dann Vollgas, das Adrenalin weitet die Augen, die Räder drehen durch, es geht los. Skopas und seine drei Beifahrer rasen knapp vorbei an Dutzenden Fans, die sich am engen Zugang zur Piste drängen. Die Menge jubelt, die sechs Fahrzeuge vorher waren doch nur das Aufwärmprogramm.

„Bad Company“ hat ein befreundeter Graffiti-Künstler auf die Seite des Autos gesprüht. In schlechter Gesellschaft – es ist als Versprechen für die beste Unterhaltung gemeint, die diese Subkultur zu bieten hat. Mit angezogener Handbremse und durchgedrücktem Gaspedal steuert das driftende Gefährt haarscharf an Betonpfeilern am Rande des Feldes vorbei. Skopas Leute hangeln sich akrobatisch aus den offenen Türen, klettern nach oben und übers Schiebedach wieder ins Innere. Das ist die sogenannte Selbstmord-Rutsche, die Königsdisziplin der Straßenkönige. 

Gummigestank und der Lärm des Motors im Überlebenskampf mischt sich mit der beißenden Kälte des südafrikanischen Winters. Die Menge feiert Skopas wie sonst nur Fußballstars, als er die Show mit einem Burnout beendet: Im Stand lässt er nochmal die Räder durchdrehen, das Auto in einer Rauchwolke verschwinden, bis sich die Reifen mit lautem Knall verabschieden. Heldenabgang auf Stahlfelgen.

Viele Zuschauer sind aus Soweto gekommen, der größte Township Südafrikas liegt nur ein paar Kilometer westlich. Hier begann animiert von Videos japanischer Rennfahrer die südafrikanische Spinning-Bewegung in den 1980er-Jahren, noch während der Apartheid-Zeit in zwielichtigen Zirkeln: Verbrecher stahlen Autos und nutzten sie für Einbrüche. Als sie dann in ihre Nachbarschaft zurückkehrten, drehten sie triumphierend qualmende Runden. Bald kamen Hunderte Zuschauer, manchmal gab es Tote.

„Wir haben Spinning aus diesem Gangster-Milieu geholt und es in ein sicheres Umfeld gebracht“, berichtet Skopas, während er sich um seinen überhitzten Motor kümmert. Seit dem Jahr 2010 ist der Sport legal, sofern die Zuschauer wie hier von Betonpfeilern geschützt werden und ein Rettungswagen vor Ort ist. Der junge Familienvater ist einer der wenigen Vollprofis der Szene, er trat schon in Nachbarländern wie Namibia und Swasiland auf. Er lebt von eher bescheidenen Antrittsprämien zwischen 300 und 600 Euro. Um ihn herum schrauben Dutzende an ihren Fahrzeugen, darunter Taxifahrer, Fabrikarbeiter, Angestellte, Arbeitslose. Skopas meint: „Man kann uns nicht mehr in eine Schublade stecken.“

Auch wenn es sich nicht mehr um Gangster handelt, der Promistatus der besten Spinning-Fahrer ist hoch. Immer wieder treten sie in Musikvideos von Rapstars auf. Vor ein paar Jahren starb Sibusiso, in der Szene als der „Terminator“ bekannt, bei einem Unfall nach einem Auftritt. Tausende Fans kamen zur Beerdigung, der Verkehr staute sich 15 Kilometer lang. Skopas und Dutzende andere Fahrer brannten mit ihren Autos Kreise auf den Asphalt – eine letzte Ehre, die früher auch so manchem bekannten Verbrecher in den Townships erwiesen wurde.

Skopas ist einer der wenigen weißen Stars der Szene. Seine Hautfarbe nimmt kaum einer wahr, was nicht allein an den zahlreichen Tattoos liegt, die seinen Körper bedecken. McGregor wuchs in der Nähe einer großen Bushaltestelle auf, die überwiegend von Schwarzen benutzt wurden. Als junger Mann verdiente er sich dort Geld als Fahrer von Minibussen, ein Umfeld, in dem Spinning populär ist. Bald begann er selbst mit den ersten Kunststücken auf der Straße, wurde dabei mehrfach verhaftet, bevor er zum Stammfahrer auf legalen Veranstaltungen wurde. Skopas spricht fließend Zulu und einige andere Sprachen des Landes. Daher auch der Spitzname: Skopas sind bunte Popcorns, sie sind keiner Farbe zuzordnen.

Am Rande der Anlage steht Monde Hashe, der Promoter der südafrikanischen Spinning-Szene – ein „Bernie Ecclestone“ mit Rastalocken. Er hat als Erster die Events mit Erlaubnis der Behörden organisiert. Hashe versucht, den Sport zu professionalisieren. Der Eintritt kostet vier Euro. Noch gibt es keine Rangliste, die Fahrer konkurrieren bislang nur um die Gunst des Publikums. Demnächst aber soll es ein Punkte-System geben, um Sponsoren anzulocken. „Spinning ist ein Lifestyle, wenn wir zusammenkommen, ist es ein Abend des Friedens“, sagt Hashe. „Aber wir müssen von etwas leben. Benzin wird immer teurer, der Sport muss auf festere Füße gestellt werden.“ Sein Traum: eine Arena mit 20.000 Zuschauern, „wie in Wimbledon“.

Bislang bemüht sich der Promoter allerdings vergeblich um staatliche Sportförderung. Er hat eine andere Geldquelle im Blick: Mit einem Getränkehersteller gebe es Gespräche, Fahrer zu einem Event in die Vereinigten Arabischen Emirate zu fliegen. Sein Sport, davon ist Hashe überzeugt, habe das Zeug dazu, einer der populärsten des Landes zu werden. Allerdings lasse die Kooperation unter den lokalen Promotern zu wünschen übrig. „Sie versuchen, mir die besten Fahrer abspenstig zu machen, veranstalten Events an den gleichen Tagen“, klagt Hashe. „Wir müssten die Kräfte bündeln, das tun wir aber nicht.“ Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass das Spinning es trotz seines hohen Status in den Townships noch nicht in die etablierten Medien geschafft hat. Dabei passt er perfekt zur ausgeprägten Motorsportbegeisterung vieler Südafrikaner. 

Einstweilen sichert Skopas dem Organisator Monde Hashe den Status als Platzhirsch. „Er wurde im Jahr 2017 zum Fahrer des Jahres gewählt“, erzählt Hashe, „Skopas und seine Jungs machen Stunts, die noch nie zuvor gesehen wurden. Er schafft es, die Leute ausflippen zu lassen.“ Ein netter Kerl sei er noch dazu.

Inzwischen hat sich zu Skopas auch sein Team gesellt. Wie es denn mit Verletzungen ausschaue? Die Männer lachen. Einer hat sich erst im vergangenen Jahr den Arm gebrochen, ein anderer die Schulter und mehrere Rippen. „Ich habe mir schon so ziemlich jeden Knochen gebrochen“, verrät Skopas. Sein Rücken ist voller Narben, Erinnerungen an einen Stunt, bei der er bei voller Fahrt vom Autodach stürzte.

Ein Grund zum Aufhören? Beileibe nicht. Im Gegenteil: Der Kick schaltet die Schmerzen aus. „Das Adrenalin ist überall in deinem Körper“, sagt der Spinning-Fahrer. „Man kann das kaum beschreiben. Für diese drei bis vier Minuten hat keiner von uns Probleme, keiner hat Stress. Es ist nur Spinning.“ Er will weitermachen, so lange es irgendwie geht, auch wenn nach Abzug aller Kosten nicht allzu viel übrig bleibt. Auf seine Finger hat er Buchstaben tätowiert, als ständige Erinnerung: DONT STOP – Hör' nicht auf!