16.05.2011

Bauernaufstand gegen Shell

Der Konzern will in der Karoo nach Gas bohren. Dort aber wehren sich einige Farmer zäh

Auf klapprigen Plastikstühlen sitzen die Bauern in dem Gemeindesaal. Einige sind direkt von der Arbeit gekommen. Gerade standen sie noch auf den Feldern von Sutherland, jenem 3000-Seelen-Dorf im Nirgendwo Südafrikas. Sie sind müde von langen Stunden unter der Sonne, einige haben noch die Gummistiefel an. Vor der Bühne, wo die Kinder des Dorfes sonst ihre Theaterspiele aufführen, bauen sechs PR-Experten des Ölkonzerns Shell Laptops und Videobeamer auf. Die einen wollen unberührte Natur, die anderen Erdgas, das womöglich Milliarden wert sein könnte – es ist ein ungleicher Kampf.

Gerade als die Öffentlichkeitsdirigenten mit ihrem Überzeugungsfeuerwerk beginnen wollen, steht ein Bauer in der letzten Reihe auf. Groß und breit ist er gewachsen. Er senkt den Kopf und beginnt auf Afrikaans zu beten, einige Minuten lang, bis er schließlich mit den Worten endet: „Danke, Herr, dass Du uns zusammengeführt hast, so dass wir gemeinsam den Fortbestand der Karoo wahren können. Amen.“ Ohne ein Gebet beginnt in konservativen Gegenden Südafrikas kaum eine Mahlzeit, geschweige denn eine öffentliche Veranstaltung. Amen, sagen auch die Shell-Männer und beginnen mit ihrer Powerpoint-Präsentation.

Seit Monaten schickt der Konzern seine besten Öffentlichkeitsarbeiter durch die Karoo, eine riesige, faszinierend schöne, spärlich bewohnte Halbwüstenlandschaft im Südwesten Südafrikas. Wer hier lebt, der züchtet mit großer Wahrscheinlichkeit Schafe, betreibt Felder oder bewirtet Touristen. Es ist ein ruhiges und einfaches Leben, im Einklang mit der Natur. Eines, in das der Ölkonzern aus Sicht seiner Bewohner nicht passt.

Doch Shell fühlt sich vor allem dort zu Hause, wo der Boden Reichtum verspricht. Und das ist in Südafrika zweifelsohne der Fall. Wissenschaftler vermuten in der Karoo gewaltige Vorkommen Schiefergas, ein zunehmend rentables Erdgas. Am vergangenen Donnerstag reichte das Unternehmen ein Konzept für umweltgerechte Erdgasförderung bei der südafrikanischen Regierung ein. Nach 120 Tagen soll dann eine Entscheidung fallen – der Konzern hatte sich schon im Dezember offiziell darum beworben, 24 Bohrlöcher im Süden der Karoo anlegen zu dürfen. Zu Testzwecken, doch das Ergebnis erscheint vielversprechend: Nach Angaben des amerikanischen Energieministeriums hat Südafrika die weltweit fünftgrößten Reserven an Schiefergas, ein milliardenschwerer und vor allem unerschlossener Reichtum.

Wenn es nach Hester Obermeyer geht, dann wird diese Ressource auch weiterhin verborgen bleiben. Ihre Farm liegt etwas außerhalb von Sutherland. Sie ist hier geboren, hat nie studiert, doch wie die meisten hat sie sich ein wahres Expertenwissen in Sachen Gasförderung angeeignet. Hydraulisches „Fracking“ wird die Tiefbohrtechnik genannt, bei der mit Hochdruck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien durch Bohrlöcher gejagt wird, um das Gas zu fördern. „Das wird uns die Existenzgrundlage entziehen“, sagt Obermeyer, „wir müssten wohl aus der Gegend wegziehen.“

Tatsächlich ist die Technik umstritten. Ölkonzerne wie Shell oder der US-Konzern „Falcon Oil&Gas Ltd.“, der sich ebenfalls massiv um Bohrrechte in der Karoo bemüht, bezeichnen Schiefergas als den saubersten fossilen Brennstoff. Doch Umweltschützer in aller Welt widersprechen, verweisen auf den hohen Wasserverbrauch und die Verseuchung von Grundwasser mit Chemikalien, wie es etwa in Kanada passiert ist. Auch erhöhte Radioaktivitätsstrahlung ist an Bohrstellen schon festgestellt worden.

Mehre Industriestaaten, wie etwa Frankreich, haben die Entscheidung, ob mit „Fracking“ Gas gefördert werden soll, aufgeschoben. Zunächst sollen entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen abgewartet werden. Die jüngsten Erkenntnisse sind tatsächlich bedenklich: Vor einer Woche veröffentlichte die amerikanische Cornell-Universität (Bundesstaat New York) eine Studie, nach der Erdgas der fossile Brennstoff mit dem größten Beitrag zum Treibhauseffekt ist. Die großen Konzerne reagierten umgehend – das Studienergebnis sei „politisch gewollt“, hieß es.

So vehement wie in Südafrika protestiert die Bevölkerung aber selten gegen die Pläne der Industrie. Es ist vor allem die Sorge um Wasser, die hier aufschreckt. Über ein Drittel der Bevölkerung hatte am Ende der Apartheid im Jahr 1994 keinen Zugang zu Trinkwasser. Danach wurde ein Gesetz erlassen, dem zufolge ein Wasserhahn nicht weiter als 200 Meter von jedem Haus entfernt sein darf. 200 Liter Wasser stehen jedem Haushalt täglich kostenfrei zu.

Nur noch jeder Fünfte hat heute keinen Zugriff auf sauberes Wasser – im Vergleich zu vielen anderen Entwicklungs- und Schwellenländern ist das eine passable Quote, schließlich leben weltweit eine Milliarde Menschen ohne sauberes Wasser. Doch in Johannesburg etwa bedrohen Gifte aus verlassenen Bergwerken die Trinkwasserversorgung, über 6000 Schächte der stillgelegten Bergwerke sickern Million Liter verseuchtes Wasser durch – es wird schlicht nicht mehr abgepumpt.

Für viele Menschen in der Karoo wäre eine Verseuchung oder Verknappung des Wassers noch existenzgefährdender – es gibt kaum genug, um die Felder zu bestellen. „Wir leben in einer Gegend, die jetzt schon von Wassermangel betroffen ist“, sagt Farmerin Obermeyer, „wenn das Grundwasser verseucht wird, eliminiert man damit die ganze Gegend.“ Shell betont, man werde nicht um die Wasserressourcen „konkurrieren“, zur Not werde man Kühlwasser vom 200 Kilometer entfernten Ozean hertransportieren. Auch für Verschmutzungen, die angesichts neuer Technologien „nahezu ausgeschlossen“ seien, werde man aufkommen.

In Sucherland glaubt das keiner so recht. Drei Stunden haben die PR-Strategen auf die Bauern eingeredet. Es war von der Lösung für Südafrikas Energiekrise die Rede, von besserer Infrastruktur und neuen Arbeitsplätzen. Obermeyer, lacht zynisch. „Das ist das größte Märchen überhaupt. Für diese Aufgabe braucht man hoch spezialisierte Arbeitskräfte, die findet man in der Region nicht. Für Leute in der Karoo wird es keine Jobs geben. Sie fordert wie viele Bauern von Shell, dass bei entsprechenden Streitfragen auch die juristischen Kosten übernommen werden: „Selbst wenn wir uns alle zusammentun, können wir gegen ein Unternehmen wie Shell nicht ankommen“, sagt Obermeyer. „Wir werden hart dafür kämpfen, dass sie hier die Erde nicht einen Zentimeter tief aufbohren werden.“

Doch dazu wird es kommen, glaubt Anthony Cortis. Shell hat ihn eigens aus China eingeflogen, wo er als Ingenieur auf einer Gasförder-Anlage arbeitet, zuvor war er in gleicher Funktion für den Konzern in Kanada tätig. Dabei ist Cortis Südafrikaner. Er habe sich freiwillig gemeldet, um seinen Landsleuten von den „enormen Vorteilen“ dieses Rohstoffs zu berichten, erklärt er: „Die Gegend wird entwickelt werden, das bedeutet neue Straßen, mehr Arbeit und Infrastruktur. Ich kann mich nur auf Kanada beziehen, wo genau das innerhalb des vergangenen Jahrzehnts passiert ist, auf sehr verantwortungsbewusste Weise.“ Die Provinz Alberta sei heute die reichste Kanadas, und das vor allem wegen der Gas-Förderung.

Neben ihm stehen zwei Shell-Ingenieure aus den USA, die zustimmend nicken. Wohl selten war Sutherland derart kosmopolitisch besucht wie in diesen Tagen. Wenn tatsächlich so viel Gas hier ist, wie wir vermuten, fährt Cortis fährt, „dann ist das ein Schatz für alle Südafrikaner, der Jahrzehnte anhalten wird.“ Mehr Überzeugung in der Stimme geht nicht.

Doch das Misstrauen sitzt tief, einige Gasthäuser der Region weigern sich sogar, Shell-Mitarbeiter zu beherbergen. Die Umweltschäden, die von Ölkonzernen wie Shell in Nigeria angerichtet wurden, sind auf dem Kontinent wohlbekannt. Das Nigerdelta gilt als das eindrucksvollste Beispiel für den Schaden, der Rohstoffreichtum in afrikanischen Ländern anrichten kann. Der Kontinent verfügt über zehn Prozent der weltweiten Ölreserven, 40 Prozent des weltweiten Goldes und knapp 90 Prozent der Vorräte an Chrom- und Platinmetallen. Eine breite Basis für eine rasche Steigerung des Lebensstandards. Doch der vermeintliche Weg aus der Armut entpuppt sich allzu oft als ein enger Pfad, den wenige für sich alleine beanspruchen.

Für Südafrika Landwirtschaft und den Tourismus war es vermutlich nie von Nachteil, dass weder Gas noch Öl gefördert wurden. „Sie werden die Karoo zerbrechen, die Region wird ihre Attraktivität und Ästhetik verlieren“, sagt Farmer Adriaan Eesterhuizen, und zieht nervös an einer Zigarette, „wir wollen die hier nicht. Wir werden uns wehren, bis zuletzt.“ Zur Not vor dem Verfassungsgericht.An der Spitze der Protestbewegung steht Jonathan Deal. Der Farmer und Fotograf hat die Bürgerorganisation „Treasure Karoo Action Group“ (TKAG) gegründet, der sich Farmer, Anwohner und Umweltschützer angeschlossen haben, um mit einer Stimme zu sprechen. Deal ist dafür der geeignete Mann: „Es ist ein Krieg um Versorgungsmittel und er wird anhalten bis zum bitteren Ende“, sagt er, „sie werden sich nicht einfach zurückziehen. Hier ist großes Geld zu verdienen, und das können sie riechen. Das ist ihr Ziel. Sie sind weder Umweltschützer oder Sozialarbeiter. Sie sind ein multinationaler Konzern, der Geld verdienen will. Nicht anderes können sie für sich beanspruchen.“

Natürlich weiß auch Deal um die zunehmenden Energieengpässe Südafrikas. „Doch Fracking sollte keine Option sein, wenn es nachhaltige und umweltfreundliche Alternativen zu fossilen Brennstoffen gibt, die zudem ähnlich teuer sind“, sagt er. Es mache keinen Sinn, die ökonomische Aktivität und das touristische Potenzial der Karoo für die Jagd nach einer maximal 15 Jahre vorhandenen Ressource zu zerstören. Die Straßen würden schon durch die Testbohrungen völlig zerstört: „Jedes Bohrloch sorgt für 9000 bis 11.000 Lastwagenfuhren, die durch die Karoo gefahren werden.“

Shell-Manager Cortis hat den Laptop inzwischen eingepackt, auch der Beamer ist aus. Er ist Widerstand gewohnt, seit zwei Monaten redet er nun auf Farmer ein. Beschwichtigend betont er, es gelte ja zunächst einmal die Rentabilität festzustellen. Es könne sich durchaus herausstellen, dass die Vorkommen zu klein seien, um rentabel fördern zu können. Wirklich überzeugend klingt er nun nicht mehr: Rund 150 Millionen Euro wird sein Arbeitgeber für die Testbohrungen investieren, wenn die südafrikanische Regierung in vier Monaten ihr Einverständnis geben sollte. Zu viel, um auf gut Glück zu bohren.

Erschienen in Die Welt, 28. April 2011