Auto, Haus, Kind
In afrikanischen Metropolen hat sich eine neue Mittelschicht entwickelt - und mit ihr eine vernachlässigte Zielgruppe

Siphe Mqwebile kam von der Arbeit. Acht lange Stunden im Büro lagen hinter ihm, Zeit für Sofa und Fernseher. Er ging die fünf Meter zu seinem kleinen Häuschen im südafrikanischen Township Guguletu, da tippte ihm einer von hinten auf die Schulter. „Siphe, ich muss dir was erzählen.“
Nein, nein, nein, nicht schon wieder, schoss es Mqwebile durch den Kopf. Er kannte die Stimme, sie gehörte einem Mann aus der Nachbarstraße, ein flüchtiger Bekannter eben. Und der lief ohne eine Antwort abzuwarten einfach ins Haus. Es war nichts passiert, er erzählte über Fußball, die Frau, das Wetter. Einfach so. Drei Stunden lang.
Es gibt Tage, da freut sich Siphe Mgwebile, dass er nicht mehr in dem Township in der Nähe von Kapstadt lebt. Dort, wo der Gemeinschaftssinn stärker ist als die Privatsphäre, jeder jeden kennt und so viel geredet wird, wie an wenigen anderen Orten, glaubt man Siphe. Und dann gibt es die Tage, an denen er sich zurückwünscht. Neulich ist bei den neuen Nachbarn jemand gestorben, keiner in der Straße hat etwas mitbekommen, es kamen nur wenige zur Trauerfeier. „Das ist doch schrecklich. An solchen Tagen muss das Haus voll sein, alle müssen kommen.“ Willkommen im Vorstadtleben.
Nur ein paar Kilometer liegen zwischen seinem alten und seinem neuen Haus, das in Montevideo steht. Hier lebten schon zu Apartheidzeiten die besser gestellten Bürger unter der schwarzen Bevölkerung – Lehrer, Kleinunternehmer und höhere Polizisten. Heute ist der Stadtteil Heimat einer ständig wachsenden neuen Mittelschicht. Siphe und seine Frau Nokuthula haben vor einem halben Jahr ein kleines Haus gekauft, für 550.000 Rand (57.000 Euro), knapp 100 Quadratmeter groß. Kein Traum. Ein Ziel.
„Für uns ist es wichtig, einen Plan zu haben. Und den ziehen wir durch“, sagt Nokuthula. Dieser Plan hat sie zur Chemielaborantin für den Energiekonzern Chevron gemacht, nachdem sie als erste in der Familie studiert hat. Ihr Mann arbeitet in Kapstadts Verwaltung. Das Haus ist mit einer Alarmanlage gesichert, um Haushalt und die beiden kleinen Kinder kümmert sich eine Nanny In der Garage steht der eher dröge, aber verlässliche Golf Chico, die Grundausstattung der klassischen südafrikanischen Mittelschichtsfamilie ist damit komplett. „Nicht allzu glamourös, was?“ fragt Nokuthula und lacht. Mittelschicht klinge jetzt ein bisschen langweilig. Aber ja, sie gehörten wohl jetzt dazu. „Und wir haben hart dafür gearbeitet“, fügt sie eilig hinzu. Sie stört das Klischee von Vetternwirtschaft, das Afrika begleitet.
Dabei steht die Familie exemplarisch für eine gleichermaßen unterschätzte wie übersehene Gruppe in Afrika. Noch immer dominieren Armut und Kriege wie zuletzt in der Elfenbeinküste oder in Nordafrika die Schlagzeilen. Reichtum wird auf diesem Kontinent meist mit Korruption gleichgesetzt. Und dazwischen? Langsam entsteht in vielen Ländern eine bürgerliche Schicht, lang ersehnt, schließlich bildet sie das Rückgrat von Wirtschaft und Zivilgesellschaft, jener in Afrika so unterentwickelten Kontrollinstanz der Mächtigen.
Anfang Juni überraschte die Afrikanische Entwicklungsbank (AFDB) mit einer Studie, der zufolge 313 Millionen Menschen des Kontinents zur Mittelklasse zählen – und damit beinahe jeder Dritte. Die Zahl stieg nach Angaben der Bank von 111 Millionen (26,2 Prozent der Bevölkerung) im Jahr 1996, über 151 Millionen im Jahr 1990 (27 Prozent) auf 196 Millionen (27,2 Prozent) im Jahr 2000 an. „Die Einkaufsmeilen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, die Autos auf den Straßen, die Verkehrsstaus in Johannesburg oder Nairobi – all das spricht für die wachsende Mittelschicht“, sagt AFDB-Ökonom Mthuli Ncube, der deutliche Parallelen zur Entwicklung in Indien und China erkennen will.
Doch für diesen Vergleich ist die Definition der afrikanischen Mittelschicht zu weit gefasst. Wirtschaftswissenschaftler sprechen auch von der „Konsumklasse“, zwischen zwei und 20 Dollar (1,40 bis 14 Euro) pro Tag gibt der Studie zufolge jeder einzelne dieser Kategorie in Afrika aus. Allein 180 Millionen Menschen aber, also mehr als jeder zweite, hat laut der Studie eine tägliche Kaufkraft von lediglich 1,40 bis 2,80 Euro – für viele Experten eine zu niedrige Schwelle.
„Natürlich ist das Einkommen der Mittelklasse in Afrika nicht das gleiche wie in den USA, aber man sollte die Definition nicht so ausweiten, bis der Begriff seine Bedeutung verliert“, sagte der Londoner Professor für Entwicklung in Afrika, Thandika Mkandawire dem Sender CNN. In anderen Studien wird von Mittelklasse ab einer Haushaltskaufkraft von sieben bis 70 Euro am Tag gesprochen.
Gemäß dieser Definition würden beispielsweise nicht einmal 60 Millionen Afrikaner zur Mittelklasse gehören. Der AFDB-Report fokussiere sich zudem auch methodisch zu sehr auf Konsumgüter, kritisierte Mkandawire. Es sei irreführend, auf den Anstieg der Autobesitzer in Ghana etwa um 81 Prozent seit dem Jahr 2006 hinzuweisen. Viel wichtiger: Die meisten Güter würden von anderen Kontinenten importiert – „der aktuelle Boom schafft wenig neue Arbeitsplätze.“
Jubelarien über die generelle Entwicklung in Afrika scheinen unangemessen. Die Organisation für Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnet in ihrem gerade erschienen Report „African Economic Outlook 2011“ ein durchaus differenziertes Bild. Zwar seien die ausländischen Direktinvestitionen im Jahr 2008 auf 50 Milliarden Euro und damit den fünffachen Wert des Jahres 2000 angestiegen. Doch drei Viertel davon seien in Öl-exportierende Länder geflossen, besonders in Nordafrika. Noch immer behinderte zudem die mangelnde Infrastruktur Investitionen, so seien etwa nur 20 Prozent der Straßennetze asphaltiert.
Im Gegenzug konstatierten die OECD-Analysten jedoch „eine langsame aber stetige Verbesserung der Regierungsleistung, eine Vertiefung der Demokratie und Stärkung der Zivilgesellschaft“. Die Beziehung zu Industriestaaten sei intensiviert worden und viele Staaten würden im Zuge einer verbesserten Wirtschaftspolitik in neue Technologien investieren. Kurz: Optimismus ja, aber mit Vorsicht.
Immerhin. Denn die wachsende Konsumfreude Afrikas steht außer Frage. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem Wachstum von 5,5 Prozent im subsaharischen Afrika für dieses Jahr und sechs Prozent im Jahr 2012. Schon im Jahr 2015 werde das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner und Jahr 1400 Euro überschreiten – eine wichtige Marke, markiert sie doch den Punkt, an dem neben den Grundkosten auch die ersten Konsumgüter gekauft werden können. Allein die größten 18 afrikanischen Städte haben eine Kaufkraft von rund einer Milliarde Euro.
Die Mqwebile-Familie gehört fraglos zu der interessanten Zielgruppe. Es ist Samstagvormittag, und das Paar sitzt im noch etwas spärlich eingerichteten Wohnzimmer. Das Sofa ist neu und noch mit dem Schutzbezug aus einer dicken Plastikfolie überzogen, den die Möbelfirma für den Transport vorgesehen hat. Die Folie wird bleiben – in den Townships gehört das Sofa zum ersten Prestigeobjekt jedes Haushalts. Und das soll halten, möglichst Jahrzehnte lang, auch wenn ein Teil seiner Schönheit verborgen bleibt.
Beide haben Handyverträge abgeschlossen. Nokuthula geht in einem Einkaufszentrum amerikanischer Anmutung einkaufen, direkt vor dem Haus ist ein Spielplatz. Sie leben den Traum von Millionen in den Armenvierteln. Forscher der Universität Johannesburg haben im größten südafrikanischen Township Soweto vor einigen Monaten eine große Umfrage gemacht. Rund die Hälfte der zwei Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze – dennoch zählten sich zwei von drei Befragten zur Mittelklasse. Für sie ist das eine Beschreibung des sozialen Aufstiegs, die Betonung, auf eigenen Füßen zu stehen – „ein Synonym für die eigene Leistungsfähigkeit im Meer von Arbeitslosigkeit“, kommentierte die „Sunday Times“.
Die Zeitung hätte das Phänomen kaum besser beschreiben können. So zitieren die Johannesburger Forscher eine Frau aus Soweto: „Im Gegensatz zu vielen Nachbarn bin ich in der Lage, jeden Tag für Essen zu sorgen.“ Das ist ihre Auslegung des Begriffs. Legt man die internationale Definition von sieben Euro täglicher Kaufkraft zugrunde, beträgt die Mittelklasse in ihrer Nachbarschaft gerade einmal sieben Prozent.
Doch selbst das ist beachtlich. Viele soziale Aufsteiger ziehen an den Rand der Townships, und nicht in schicke Vororte. Auch die Mqwebiles blieben lieber am Rande von Guguletu. Nur kurz kam der Gedanke auf, nach Bothasig zu gehen, eine teurere Nachbarschaft in Kapstadt. „Aber dort beschweren sich die Leute, wenn es um zehn Uhr abends noch laut ist oder Freunde mal bei Familienfesten in der Einfahrt der anderen parken“, sagt Siphe Mqwebile. „Darauf hatten wir keine Lust.“
In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Armenvierteln entstehen Neubausiedlungen, die eher an amerikanische Vororte denn an Townships erinnern. Und in Kenia wird derzeit die erste „Gated-Community“ innerhalb eines Slums – streng bewachte Häusersiedlungen mit eigenem Wachpersonal und Einlasskontrollen. Eigentlich ein Merkmal afrikanischer Luxusvororte.
Neben der starken Familienbindung halten auch die niedrigeren Preise den neuen afrikanischen Mittelstand in der Nähe der vertrauten Gegend. „Wir hätten uns auch in Bothasig ein Haus leisten können. Aber kein so großes, wir hätten im Schlafzimmer kaum ein Bett aufstellen können“, erzählt Mqwebile, „und wir wollen, dass unsere Kinder Xhosa lernen. Das können sie nur hier in der Nähe unserer Freunde und Familie.“ Dafür nimmt er auch in Kauf, dass er jeden Morgen eine Stunde mit dem Bus zur Arbeit unterwegs ist. Vorerst zumindest: Nach der Grundschule sollen die Kinder auf gute Privatschulen. Und die gibt es hier nicht. Noch nicht.
Mitarbeit: Sizwe Mbebe
WELT: 16. Juli 2011