18.05.2017

Ausgekocht

Max Inzinger war einer der ersten Starköche Deutschlands - nun ist er auf der Flucht

Auf einer Holzbank vor dem Saal 13 eines Johannesburger Gerichts sitzt ein älterer Herr, schwarzes Jacket über weißem Polohemd, die Hände im Schoß gefaltet, und grantelt auf Bayerisch gegen die Ungerechtigkeit des Lebens an. Im kalten Neonlicht des Gerichtsflurs verhallen Worte wie Jus-tizskandal, Prozessverschleppung und Prominentenjagd.

Seit einer Stunde wartet Max Inzinger nun schon auf seine Anhörung. Es soll über seine Auslieferung nach Deutschland verhandelt werden, wieder einmal. Es ist der 26. Termin in zwölf Jahren. Doch die Staatsanwaltschaft hat es verbum-melt, einen Dolmetscher zu organisieren. Max Inzinger, einer der ersten deut-schen TV-Kochstars, inzwischen 72 Jahre alt, hat nach eigenen Angaben rund 150 Länder bereist und spricht durchaus ein passables Englisch. Aber er hat ein Recht auf einen Dolmetscher. Und in juristischen Dingen, die den Rest seines Lebens betreffen könnten, will er lieber in der Muttersprache informiert werden.

Sein früheres Leben liegt an diesem Tag, an diesem Ort in weiter Ferne. Von 1972 bis 1982 stand Max Inzinger in der ZDF-Sendung „Drehscheibe“ an den Töpfen, seine Auftritte leitete er stets mit dem Satz „Ich hab’ da schon mal was vorbereitet“ ein, ein Millionenpublikum verfolgte wie er für Fußballstars wie Sepp Maier und Franz Beckenbauer auftischte. Lang ist es her.

Seit Juli 2004 lebt Max Inzinger nun schon in Südafrika. Kurz nach seiner Auswanderung, wie er es nennt, Flucht, wie es Fahnder bezeichnen, hatte die deutsche Justiz einen internationalen Haftbefehl gegen ihn durchgesetzt. Die Staatsanwaltschaft in Kaiserslautern legt Inzinger im Verfahren 6056 Js 21848/03 „fünf Fälle des Betruges in besonders schwerem Fall zur Last“.

Ihm wird vorgeworfen in den Jahren 2003 und 2004 Investoren Projekte an-geboten zu haben, die es gar nicht gab. Es ging um Wohnungen in Südafrika, eine Hotelanlage auf Mallorca oder andere Immobilienprojekte. Mehr als 800.000 Euro sowie eine Million US-Dollar soll er dabei kassiert haben, die er jedoch nicht investiert, sondern für private Zwecke und – wie in einem Schneeballsystem – teilweise auch zur Schuldentilgung bei den Geschädigten verwandt haben soll. Im Februar 2009 eröffnete das Landgericht Kaiserslautern das Hauptverfahren. So lange ein Auslieferungsersuchen anhängig ist, gibt es keine Verjährung. Inzinger drohen in Deutschland bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Im Gerichtssaal in Johannesburg, wo die Richterin schließlich doch noch zur Verhandlung bittet, setzt sich Inzinger matt auf die Anklagebank. Die Anhörung fällt kurz aus. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft berichtet, man habe sich erst vor drei Tagen um einen Übersetzer gekümmert, die Dolmetscherin sei aber leider nicht verfügbar gewesen. Für den neuen Termin am 6. April verspricht er, „neu zu suchen und zu googeln“.

Inzinger zuckt mit den Schultern. Er weiß manchmal nicht, ob er sich über die Unfähigkeit der südafrikanischen Justiz freuen oder ärgern soll. Mit jedem ge-scheiterten Termin vertagen sich sein Verfahren und damit die drohende Auslie-ferung um einige Monate. Doch gleichzeitig steigen die Anwaltskosten. Über die Jahre habe er umgerechnet 80.000 Euro gezahlt.

Wenig später betritt er ein Café in der Nähe des Gerichts. Die Besitzerin be-grüßt ihn herzlich mit Handschlag. Wie es seiner Frau gehe, will sie wissen, dann bringt sie Kaffee und Kuchen. Man kennt ihn hier als freundlichen Stammgast.

Max Inzinger sieht sich als Opfer eines Staatsanwalts, der seine Karriere vo-rantreiben wollte. „Ich bin unschuldig“, sagt er. Im Kern gehe es um gescheiterte Geschäfte mit ungültigen Wertpapieren. „Ich hatte sie Banken vorgelegt, die mir bestätigt haben, dass sie echt sind“, erklärt er. Dort liege die Verantwortung.

Die drei Mitangeklagten seien damals mit einer Geldstrafe davongekommen. „Mit mir wollte die Staatsanwaltschaft Schlagzeilen machen“, ist er überzeugt. Die Anklage hätte alle Tricks angewandt. So sei einem Zeugen gedroht worden, dass ihm die Steuerprüfung auf den Hals gehetzt werde, wenn er nicht gegen ihn aussage. Zudem hätten die Ermittler behauptet, dass er in 24 Fällen vorbestraft gewesen sei. „Da sind gezielt Lügen aufgebaut worden“, behauptet Inzinger, „mein polizeiliches Führungszeugnis ist leer.“

Nach Südafrika sei er damals bereits mehrere Monate vor Ausstellung des Haftbefehls gereist. Von einer Flucht könne also keine Rede sein. Der deutschen Justiz stellen will er sich dennoch nicht, wenngleich er großes Interesse habe, seine Sicht der Dinge darzulegen. „Ich habe alles Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat verloren“, sagt Inzinger. Dazu trug eine Erfahrung im Jahr 1997 bei. Damals sei er am „offenen Grab“ seiner Mutter verhaftet worden. Es sei um ge-rade einmal 1500 Mark gegangen, „dafür haben sie den ganzen Friedhof umstellt“.

Seit 13 Jahren hat Max Inzinger Südafrika nicht mehr verlassen, nicht einmal in Nachbarländer wie Namibia traut er sich aus Angst vor Interpol. Es ist ein Leben in der Defensive, unerträglich für einen, der es zeit seines Lebens gewohnt war, im Konzert der Großen zu spielen.

An Selbstvertrauen mangelt es Inzinger, der laut Klappentext seiner Autobio-grafie „als Fernsehkoch unsterblich geworden ist“, bis heute nicht. Ein bis zwei Millionen Rezeptanforderungen habe er pro Sendung für Gerichte wie „Papier-fisch“ oder „Arme-Leute-Käse“ bekommen, sagt er. „Ich war der beste Kunde der deutschen Post.“ Diese habe sich dafür nicht einmal mit einer Karte zu Weih-nachten bedankt, fügt er, durchaus ernsthaft beleidigt, hinzu.

Inzinger sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Sein Pass sei seit fünf Jah-ren abgelaufen, aber Deutschland weigere sich, ihn zu verlängern. „Damit ziehen sie mir die Existenzgrundlage unter den Füßen weg, die wollen mich in die Pleite treiben.“ Er könne kein Konto eröffnen, keine Krankenversicherung abschließen und auch seiner Arbeit als Unternehmensberater nicht nachkommen. „Ich bin quasi staatenlos.“

Dabei ist es üblich, dass ermittelnde Staatsanwaltschaften im Fall von Ver-dächtigen, die sich ins Ausland abgesetzt haben, die Nicht-Verlängerung des Reisepasses beantragen, um eine Weiterreise zu erschweren. Die zuständigen Ämter geben dem in der Regel statt.

In Südafrika ist Inzinger jedoch ohnehin vergleichsweise sicher. Zwischen dem Land und Deutschland gibt es kein Auslieferungsabkommen. So führt ein internationaler Haftbefehl nicht automatisch zur Überstellung des Verdächtigen, die ermittelnde Staatsanwaltschaft muss ein Auslieferungsgesuch stellen.

So mühte sich die Hamburger Staatsanwaltschaft neun Jahre lang, bis im Jahr 2002 der wegen Betrugs und Steuerhinterziehung gesuchte Finanz-Jongleur Jürgen Harksen in Südafrika verhaftet wurde. Ihm wurde vorgeworfen, mindestens 70 Anleger um 32,7 Millionen Euro geprellt zu haben. Harksen hatte lange mit allerlei juristischen Tricks das Verfahren in die Länge gezogen, letztlich wurde er doch nach Deutschland gebracht. Das Landgericht Hamburg verurteilte ihn wegen Betrugs in 53 Fällen zu sechs Jahren und neun Monaten Freiheits-strafe.

Und auch die Ende der 90er Jahre im Untergrund lebenden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt planten, sich nach Südafrika abzusetzen, was schließlich daran scheiterte, dass Beate Zschäpe die beiden Uwes nicht beglei-ten wollte.

Inzinger beharrt darauf, dass er mit ehrenwerten Motiven nach Südafrika ge-kommen sei. Im Jahr 1999 schickte ihn ein anderer Prominenter mit gelegentlichen Justiz-Problemen erstmals ans Kap: Sepp Blatter. Mit dem seinerzeit allmächtigen Präsidenten des Weltfußballverbands Fifa, verband Inzinger eine jahrzehntelange Freundschaft, beide arbeiteten 1972 im Organisationsteam der Olympischen Spiele mit. Inzinger machte Blatter zu seinem Trauzeugen, der ihm fortan Bewirtungsaufträge bei mehreren Weltmeisterschaften und Fifa-Kongressen verschaffte.

Um die Jahrtausendwende war absehbar, dass Südafrika bald den Zuschlag für eine Weltmeisterschaft bekommen würde. Es ging darum, das sogenannte „Fifa-Pflichtenheft“ abzuarbeiten. Er habe bei der Auswahl des Organisations-komitees beraten und nach Büroräumen für die Fifa-Ausschau gehalten, sagt In-zinger.

Bis zum Jahr 2008 sei er so im Vorfeld der WM 2010 tätig gewesen. Dann sei Blatter auf Abstand zu ihm gegangen. Er meinte, das Auslieferungsverfahren sei eine zu große Belastung, sagt Inzinger. „Ich kann nur sagen: Leute im Glashaus sollten nicht mit Steinen werfen.“ Inzinger will schon damals gesehen, was für eine Lawine auf die Fifa zukommt. Heute sei die Freundschaft erloschen, sagt er, wie die meisten in Europa.

Inzinger will mit seinem alten Leben nichts mehr zu tun haben. Auch mit Deutschland nicht, wo er zwar gerne seine Unschuld beweisen will, aber, wie er glaubt, kein faires Verfahren erwarten könne. Langsam verabschiedet er sich von seinem seit Jahrzehnten gehegten Traum, in Südafrika eine Fußball-Akademie für 1500 Kinder zu eröffnen. Der ungültige Pass mache das unmöglich.

Ruhe, er wolle nur noch Ruhe. Ein befreundeter Geschäftsmann lässt Inzinger in einem großzügigen Johannesburger Einfamilienhaus günstig zur Miete wohnen, er hält sich über Wasser, auch wenn er nicht arbeiten darf und das Visum seiner Frau nur Einnahmen bis rund 400 Euro erlaubt. Die Freundlichkeit der Südafrikaner gebe ihm Kraft. Selbst auf Weißwurst müsse er nicht verzichten, es gebe einen deutschen Metzger in der Nachbarschaft. Wehmut verursacht ihm nur, dass er seine Kinder und Enkelkinder nur so selten sehen kann, wenn sie ihn besuchen – meistens nicht einmal jährlich.

Frühestens in fünf Jahren werde das Auslieferungsverfahren abgeschlossen, glaubt Inzinger. Dann wäre er 77 Jahre alt und seine chronische Lungenkrankheit wahrscheinlich weiter fortgeschritten. Der sonst so redselige Koch wird einen Moment lang nachdenklich. „Ich glaube nicht, dass ich Deutschland jemals wiedersehen werde.“