04.06.2018

Afrikas Widerstand gegen die alten Kleider

Ostafrika zählt zu den wichtigsten Absatzmärkten für gebrauchte Kleidung. Politiker fordern derzeit vehement ein Importverbot, um heimische Produzenten zu schützen – doch das käme wohl vor allem Anbietern aus Asien zugute

Es regnet in Strömen auf dem Saint Balikuddembe Market von Kampala, einem der größten Märkte Ostafrikas. Händler Haruna Nyombi zerrt eilig Hunderte Jeans und T-Shirts in seine Betonwabe, schließlich hält die Plastikplane vor dem Stand das Wasser nur mühsam fern. Es ist Samstagnachmittag, normalerweise eine Stoßzeit mit Dutzenden Kunden. Doch nun, wo das Wetter das Geschäft bremst, bleibt Zeit zum Lästern.

Nyombi, 25 Jahre alt, glaubt, dass er gerade Zeuge einer gewaltigen Verschwörung wird. Die ugandische Regierung strebt das Importverbot seiner Ware an. Gebrauchte Kleidung, importiert aus Industrienationen wie Deutschland, erdrücke die lokale Textilbranche, so die Argumentation. Wenn diese Konkurrenz wegfalle, könnten Zehntausende neue Jobs entstehen, versprach ein Minister.

„Alles Propaganda“, sagt Nyombi, „da wollen sich ein paar Herren eine goldene Nase verdienen.“ Der Händler hält zwei Jeans in die Höhe. Die neue aus China bietet er für 50.000 Schilling an, umgerechnet elf Euro. Die gebrauchte aus England hat an den Fußenden ein paar Fransen, sie kostet auch fast sieben Euro mehr. Trotzdem verkauft er zu 80 Prozent Gebrauchtware wie diese. Der Baumwoll-Anteil ist höher, sie hält länger. „Die Politiker hängen mit im Geschäft mit den Chinesen“, sagt Nyombi, „sie wollen deren Konkurrenz rausdrängen.“

Das Thema bewegt die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC) seit dem Jahr 2015. Da beschlossen die Mitgliedsstaaten Kenia, Uganda, Tansania, Ruanda und Burundi, bis zum Jahr 2019 das Geschäft mit alten Klamotten zu unterbinden. „Wir werden unter Konsequenzen zu leiden haben“, ahnte Ruandas Präsident Paul Kagame, „aber wir müssen unsere Industrien entwickeln.“ Kagame treibt seit dem Jahr 2014 eine großangelegte „Made in Ruanda“-Kampagne voran.

Noch in den 1970er Jahren war die Textilindustrie einer der wichtigsten Beschäftigungsbranchen der EAC-Region, eine halbe Million Menschen fand hier Arbeit. Dann kamen die Konkurrenten aus Asien und vor allem Altkleider-Anbieter, die Ostafrika zu einem der wichtigsten Absatzmärkte entwickelten. Nur die wenigsten lokalen Firmen hielten dem Preisdruck stand. Heute verdienen in der Region nur noch 20.000 Menschen mit der Kleiderherstellung ihren Lebensunterhalt.

Wiederbelebungsversuche der Branche hat es in Ostafrika immer wieder gegeben. So ernst und geschlossen wie zuletzt traten die Länder aber wohl noch nie auf. Uganda hat den Importzoll im vergangenen Jahr von 15 auf 20 Prozent erhöht. In Ruanda wurden die Gebühren innerhalb von zwei Jahren sogar von 0,2 Euro auf vier Euro pro importiertes Kilogramm verzwanzigfacht.

Der internationale Gegenwind ist erheblich. Besonders die USA, wo mit dem Export von Gebrauchtkleidung umgerechnet jährlich rund eine halbe Milliarde Euro verdient wird, fuhren schwere Geschütze auf. Das angestrebte Verbot verletze das AGOA-Handelsabkommen, das den EAC-Ländern weitgehend zollfreien Import in die USA ermöglicht, aber im Gegenzug Importerleichterungen für viele amerikanische Produkte vorsieht, hieß es. Dazu zählt auch weggeworfene Kleidung, und niemand wirft mehr weg als die Amerikaner: Im Durchschnitt sind es unglaublich anmutende 35 Kilogramm im Jahr.

Im Juni 2017 beugte sich bereits Kenia, der größte AGOA-Profiteur der Gruppe, und zog seine Pläne zurück. Auch die eigene Bevölkerung hatte die selbstbewussten Pläne mit wenig Begeisterung registriert, schließlich gibt es nicht genug konkurrenzfähige Textilunternehmen im Land, die in absehbarer Zeit die entstehende Lücke hätten schließen könnten. Als die Opposition ankündigte, im Falle eines Wahlsieges das Verbot wieder vorantreiben zu wollen, führte das in Nairobi zu wütenden Protesten Tausender informeller Händler. Sie fürchteten um ihren Job.

Die anderen Länder blieben lange standhaft, erst vor wenigen Wochen nahm man ein wenig das Tempo heraus. Ein Verbot werde es vorerst doch nicht geben, die Angelegenheit solle nun über Steuern und Subventionen für die heimische Textilwirtschaft geregelt werden. Die Mitgliedsländer würden „ihre Textilwirtschaft durch Maßnahmen fördern, die nicht die Vorteile einer AGOA-Mitgliedschaft gefährden“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Doch die Debatte bleibt auf der afrikanischen Agenda weit oben angesiedelt. „Es gibt insgesamt einen neuen Drive, das Thema voranzutreiben“, sagt Thomas Ahlmann, Sprecher des Dachverbandes „FairWertung“, in der 130 deutsche gemeinnützige Organisationen für die Altkleidersammlung organisiert sind. „Ein Verbot würde in erster Linie Anbietern asiatischer Neuware nutzen“, sagt Ahlmann.

Er glaubt nicht, dass lokale Anbieter preislich konkurrieren könnten: „Es ist lobenswert, die Wertschöpfungskette verlängern zu wollen. Aber in Tansania fehlt es doch offenbar schon am Kapital, die am Boden liegende Baumwollindustrie wiederzubeleben. Wie kann man an den Aufbau von riesigen Firmen denken, bevor man das in den Griff bekommen hat?“

Dabei klingt das Argument der erdrückenden Konkurrenz erst einmal schlüssig. Allein in Deutschland werden jährlich eine Million Tonnen Kleider weggeworfen, genug, um eine Hunderte Kilometer lange Schlange von LKWs zu beladen. Das Angebot ist schlicht um ein Vielfaches höher als die örtliche Nachfrage.

So sammelt das Deutsche Rote Kreuz (DRK), einer der größten karitativen Sammler des Landes, jährlich bis zu 100.000 Tonnen Altkleider. Davon gehen nur rund fünf Prozent direkt an 1,2 Millionen bedürftige Menschen – der Rest wird verkauft, um mit den Erlösen gemeinnützige Arbeit zu finanzieren. In Deutschland gibt es Dutzende Unternehmen, die Waren vorsortieren und für einige Hundert Euro pro Tonne an Großhändler verkaufen. Neben Ostafrika zählt Osteuropa zu den Hauptabsatzmärkten. Rund die Hälfte kommt jedoch auch für diese Märkte nicht mehr in Frage und wird als Rohstoff recycelt.

„FairWertung“ hatte lange eine eher kritische Haltung gegenüber Afrika-Exporten – bis der Verband im Jahr 2003 mit finanzieller Unterstützung des „Evangelischen Entwicklungsdienstes“ eine aufwändige Marktuntersuchung in Tansania, Kamerun und Mali anging. Seitdem ist man der Ansicht, dass ein Importverbot zu früh käme. „Für viele Menschen dort ist Gebrauchtkleidung angesichts mangelnder Kaufkraft die einzige Möglichkeit, Kleidung akzeptabler Qualität zu erwerben“, berichtet Ahlmann.

Der Verband befürwortet den Export, die Mitgliedsorganisationen müssen sich dabei allerdings zu einem Verhaltenskodex verpflichten, der eine ethisch legitime Verwertung garantiert. „Altkleider sind nicht unbedingt ein Segen, aber auch nicht der Fluch, zu dem sie gerne gemacht werden. An ihnen hängt auch eine lange Wertschöpfungskette mit Tausenden informellen Händlern in Afrika.“

Eine Durchtrennung dieser Verwertungskette bedeutet nicht automatisch die Schaffung neuer Jobs. Die Strompreise in Ostafrika sind deutlich höher als in asiatischen Billiglohnländern, die Infrastruktur meist allgemein schlechter. Die heimische Industrie würde, konsequent gedacht, ohnehin erst dann wirklich geschützt, wenn auch der Import von Neuware verboten würde.

Allzu gerne nennen Politiker der Region als Gegenargument Äthiopien, wo in den vergangenen Jahren tatsächlich Tausende Jobs in der Textilbranche entstanden sind. Die Investoren aber kommen fast durchweg aus Industriestaaten. Europäische Konzerne wie „s. Oliver“ und „Tchibo“ produzieren dort. Dabei wird übersehen, dass die Regierung einige der niedrigsten Löhne weltweit duldet. Viele Näherinnen verdienen nicht einmal 30 Euro im Monat und damit weniger als Arbeiter in Bangladesch, dem Inbegriff des Ausbeuterlandes. Die Industrialisierungsstrategie ist zudem auf Export ausgerichtet, oft können sich nur wenige heimische Kunden die vor der Haustüre produzierte Ware leisten. In Europa lässt sich schließlich eine vielfache Gewinnmarge erzielen.

Bei einem Importverbot entstand bislang schlicht ein Schwarzmarkt. Das ist in Äthiopien und Ghana der Fall, wo entsprechende Gesetze in der Praxis kaum Anwendung finden. Es ist zu einfach, mit ein paar Koffern über die Grenze zu fahren und zu sagen, es handele sich um private Kleidung. Gebrauchtware gibt es so weiterhin, nur teurer. Und dem Staat gehen wichtige Zölle verloren.

Auf dem Markt in Kampala packt Händler Nyombi ein etwas ausgewaschenes Hemd in eine Plastiktüte. Umgerechnet sechs Euro hat es gekostet. Der Kunde arbeitet für eine Versicherung, sein Gehalt würde den Kauf von Neuware durchaus möglich machen. Aber locker sitzt das Geld deshalb keineswegs. „Die Miete, das Schulgeld für die Kinder – das ist mir wichtiger“, sagt er.

Der Mann glaubt nicht, dass es in Uganda jemals zu einem Verbot kommen wird. „Die Leute lassen sich nicht von der Regierung vorschreiben, was sie zu kaufen haben.“